erstellt von Stefan Schill am 25. November 2001 (Schill.Stefan@t-online.de)

Wie verändern sich Gene?

Stellen Sie sich zwei Wendeltreppen vor, die sich einander umschlingen. Die eine Treppe stammt vom Papa, die andere stammt von der Mama. Beide beinhalten Ihr gesamtes Erbgut. Wenn Sie sich fortpflanzen, dann zeugen Sie ein Lebewesen, welches zur Hälfte Ihr Erbgut hat. Doch welche Treppe geben Sie weiter, die Ihrer Mutter oder die Ihres Vaters? Was ist, wenn Sie zwei Kinder mit demselben Partner haben, sind beide dann genetisch identisch? Und vertragen sich die verschiedenen Hälften Ihres Erbgutes miteinander?

1. Bei der Fortpflanzung treffen männliches und weibliches Erbgut aufeinander. Das Spermium und die Eizelle führen dabei jeweils nur eine Wendeltreppe mit sich. Sowohl das männliche als auch das weibliche Erbgut muss also eine Entscheidung getroffen haben, welche seiner Stufen für das Kind besser taugen*. Die Instanz, die diese Entscheidung trifft, ist die Anpassung (Adaption). Daß Mann und Frau überhaupt zueinander finden, ist Aufgabe der Selektion. Die beiden haben es sich dann entweder verdient (survival of the fittest) oder sie hatten schlicht und ergreifend Glück (survival of the luckiest).

2. Was passiert bei Inzucht? Bei Inzucht verwirbeln sich zwei überdurchschnittlich ähnliche Treppen. Dadurch kommen jetzt auch diejenigen Gene zur Geltung, die sonst durch die Gene des Partners dominiert worden wären. Ein Inzucht-Kind potenziert also die Eigenschaften des vorhandenen Erbgutes. Diese können in Krisensituationen förderlich oder hinderlich sein.

3. Krieg ist nun ein besonders perverse Form, eine Krisensituation künstlich herzustellen. Krieg beginnt mit Familienverbänden aufwärts. So kommt eine neue Selektion ins Spiel, die Gruppenselektion. Eine bestimmte Rasse kann eine andere Rasse nicht leiden und versucht sie auszurotten. Gruppenselektion nach innen macht dagegen keinen Sinn, die liquidierten Abweichler sind ein wahrscheinliches Produkt des Genpools der Gruppe und damit unauslöschbar. (Nur für den unwahrscheinlichen Fall, daß ein einzelnes Gen die Abweichung vom Norm-Phänotyp verursacht, besteht Aussicht auf Erfolg.)

4. Durch die Selektion vermehrt sich das Erbgut also nicht. Jedes Artensterben sägt mitunter ganze Evolutionsäste ab. Neues Erbgut entsteht vielmehr durch äußere Einflüße, nämlich durch Fehler bei der Zellteilung, die durch Strahlung, Mangel oder Gift hervorgerufen werden.

5. Jedes Lebewesen ist in ein Netzwerk von anderen Lebewesen eingebunden. Nur wenn verschiedene Lebewesen in einem Organismus zusammenfallen, können sie auch in einer komplexen Umwelt bestehen, nur so entsteht höheres Leben (und das Leben überhaupt, als mehrere Moleküle miteinander in Wechselwirkung traten). Auch Biozönosen (Lebensgemeinschaften) sind - streng genommen - Organismen.

6. Seit Alters her selektiert der Mensch bewährte Lebewesen und kreuzt diese, sofern möglich, miteinander. (Alle Nutztiere und -pflanzen sind auf diesem Weg entstanden.) Er gestaltete die Erdoberfläche zu einer Kulturlandschaft um und erlitt das Schicksal des kuturellen Niederganges, wenn seine Bewirtschaftungsformen nicht nachhaltig genug waren.

7. Die Gentechniker forcieren jedoch unbekümmert die Mutation und Kombination von Genen. Sie vergessen, daß sie damit neue Schnittstellen in der Umwelt schaffen, an die sich Organismen mit kurzer Lebensdauer und gewaltiger Reproduktionsrate anpassen werden (bis irgendwann die Endglieder der Nahrungsketten ihren Energiehaushalt nicht mehr decken können).

8. Die Menschheit wird wohl verhungern. Wenn heute ein industrialisierter Landwirt Nahrung herstellt, dann steckt er mehr Energie in deren Produktion wie er später ernten wird. Ob die Gentechnik dieses Minusgeschäft zum Positiven hin wenden kann, ist mehr als fraglich.

*(COCKBURN 1995:28) "Das eine Allel kann die Expression des anderen Allels ganz (vollständige Dominanz) oder teilweise (partielle Dominanz) unterdrücken oder aber unbeeinflußt lassen. Ein Allel, dessen phänotypische Expression verdeckt ist, wird bezogen auf das dominante Allel rezessiv genannt. Bei vollständiger Dominanz ist die Fitness eines heterozygoten Individuums gleich der Fitness eines Individuums, bei dem am gleichen Locus das dominante Allel homozygot vorliegt. Dies gilt auch, wenn das rezessive Allel im homozygoten Zustand extrem nachteilig ist ... Zwei Allele können aber auch synergistisch wechselwirken, so daß die Fitness des Heterozygoten gegenüber beiden Homozygoten erhöht (Heterosis oder Überdominanz) oder verringert ist (Unterdominanz)".

Literatur:
COCKBURN, A.(1995): Evolutionsökologie.- 357 S., Stuttgart.