Wie interpretiere ich einen philosophischen Text?

Wozu Philosophie?
Logik
formale Logik
Syllogismen
Sein und Zeit
Dialektik und Geometrie
Religion
Diskussion
Männerbünde
Masse und Macht
Metaphysik
Methodologie
Erkenntnis
praxis, kosmos, eidos, logos
Wesen
Wie jetzt?

Einleitung

Seien Sie gegrüßt! Mit diesem VHS-Kurs entwickeln Sie sich zum Text-Psychologen. Sie wissen danach, was der Autor eines Textes insgeheim denkt und worauf es ihm besonders ankommt.

Das Skript ist eine Mixtur aus zitierten und selbst verfassten Textpassagen. (Die zugehörige Literaturliste befindet sich im Anhang.) Machen Sie es nicht anders! Lesen Sie, was Sie für richtig erachten, denken Sie dabei nach und schreiben Sie Ihre Ergebnisse auf. Sie werden meinen Collagen ähneln, falls nicht, benachrichtigen Sie mich!

Stefan Schill
Oberer Haldenweg 8
73207 Plochingen

Schill.Stefan@t-online.de

Wozu Philosophie?

Philosophen interessieren sich für das 'ungeschriebene' Gesetz. Sie möchten sein Geheimnis lüften, sei es, um eine neue Wissenschaft anzudenken, sei es, um die Menschen mündig und aufmerksam zu machen.

(WOJTILA 1998:30)
Ehrlicherweise darf niemand die Wahrheit seines Wissens gleichgültig sein. Wenn er entdeckt, daß es falsch ist, verwirft er es; wenn er es hingegen als wahr feststellen kann, ist er zufrieden.

Für einen Philosophen hängen alle Themen miteinander zusammen. Keines ist zu schwer, als daß es nicht von allen Menschen verstanden werden könnte.

Nichtsdestotrotz sind Philosophen ständig der Kritik ausgesetzt, ihr Werk sei unverständlich, ihre Wortwahl kindisch, alles sei schon längst bekannt, kurz, die ganze Philosophiererei sei nutzlos.

(SCIACCA 1964: 9f)
Leider meinten und meinen etliche Leute, die zweifellos Geist haben, denen jedoch jegliches Feingefühl für spezifisch Philosophisches abgeht, sie erwiesen der Philosophie einen Dienst, wenn sie deren Zuständigkeitsbereich einengten auf das Lösen bloßer 'Sonderprobleme' oder die Philosophie der sogenannten 'positiven' Forschung unterordneten, eben weil sie überzeugt sind, daß es 'allgemeine' und 'höchste', 'umfassende' Probleme gar nicht gebe, und sich in den Gedanken verrannt haben, die Philosophie verliere sich andernfalls im 'Abstrakten' und in verschwommenen 'Idealen' und lasse sich als 'dem Leben entfremdete' das 'Konkrete entgehen. Diese Zurückführung (oder Identifikation) des 'Seins' auf das 'Abstrakte' und des 'Idealen' auf das Unreale oder auf das 'nicht Gedachte' sowie des 'Konkreten' auf das 'Empirische' ist wahrhaft beklagenswert. Denn ganz im Gegenteil ist nur das 'Sein' 'konkret', das rein 'Empirische' aber abstrakt und 'inexistent'. Andere geben wiederum vor, aus der Philosophie eine strenge und exakte Wissenschaft machen zu wollen, doch nur unter der Bedingung, daß sie den Mut habe, das Opfer des Verzichts der Metaphysik auf sich zu nehmen, d. h. sich selbst zu verleugnen ... Die Entfaltung der Wissenschaften seit dem Ende des 16. Jahrhunderts hat kräftig zur Entstehung der Denktäuschung beigetragen, daß die Naturerkenntnis die einzig verläßliche, weil allein 'nachprüfbare' und das wissenschaftliche Wissen das einzige sei, das 'positiv' die Menschen interessieren könne ... Wie das bis zum Humanismus hin vorherrschende 'theologische' Interesse bewirkte, daß die Philosophie als ancilla fidei (jedoch unter Respektierung der Grenzen ihrer Eigengesetzlichkeit) begriffen wurde, so strebt das heute vorwaltende und fast ausschließlich 'weltliche' Interesse danach, aus ihr die ancilla scientiae, die untertänige Deuterin ihrer Methoden und Resultate zu machen.

In Wirklichkeit aber sind Philosophen gefährlich. Sie geben Preis, was andere gerne für sich behalten würden. Sie entlarven die Scheinwelt, in der wir leben (sollen).

Logik

Was kann ich schließen, wenn ich folgende Informationen habe?

  • das eine Kind ist krank und hat rote Punkte
  • das andere Kind ist krank und hat rote Punkte

Da gibt es drei Möglichkeiten:

  1. alle Kinder sind krank und haben rote Punkte
  2. alle Kinder, die krank sind, haben rote Punkte
  3. alle Kinder, die rote Punkte haben, sind krank

Folgerung 1 ist Blödsinn, Folgerung 3 ziehe ich Folgerung 2 vor, da sie 'krank' im Hauptsatz verwendet. Ein Arzt könnte jetzt nämlich sagen:

  • Definition: alle Kinder, die rote Punkte haben, sind krank, sie haben Röteln

Mit einer Definition im Rücken ist das logische Schließen ein Kinderspiel:

DIAGNOSE* Prämisse 1 Prämisse 2 conclusio
DEDUKTION das Kind ist krank das K. hat Röteln das K. hat rote Punkte
INDUKTION das K. hat rote Punkte das K. hat Röteln das Kind ist krank
ABDUKTION* das K. hat rote Punkte das Kind ist krank das Kind hat Röteln

* Die Abduktion ist die Diagnose im strengen Sinne. Um aber die Deduktion, Induktion und Abduktion besser von der Prognose und der Retrognose unterscheiden zu können, nenne ich alle drei Diagnose.

Wer sagt mir, ob die Definition stimmt?

a priori: Ich habe von Vorneherein die ungefähre Vorstellung eines Prototypen bereits im Kopf. Diese Form der Bestätigung ist jedoch problematisch.

(RAVN 1995:184)
Beispielsweise werden Spatzen und Amseln von den meisten Menschen als typische Vögel betrachtet, während Pinguine und gebratene Enten als weniger typisch angesehen werden.

a posteriori: Ich typisiere im Nachhinein: Dies gelingt mir mit Hilfe einer Korrelation, die als Ergebnis eine Rangliste der verglichenen Gegenstände und damit auch den perfekten Merkmalsträger präsentiert.

(FOUCAULT 1966/99:184)
Man wird das wesentliche Merkmal nach seiner Funktion bei der Feinheit der Einteilung, die man erhalten will, aussuchen.

formale Logik

Das Vorher und das Nachher ist innerhalb der formalen Logik von zentraler Bedeutung. Voraussetzung ist aber die Einführung von Wahrheitswerten (wahr und falsch, im Computerzeitalter 1 und 0):

w - w: beide Ideen ergänzen sich vortrefflich
w - f: Idee 1 ist besser als Idee 2
f - w: Idee 2 ist besser als Idee 1
f - f: beide Ideen taugen nichts

Wenn man zwei Ideen miteinander verbinden will, dann kennt unsere Sprache hierfür folgende Bindewörter.

VORHER WAHRHEITSWERT
Idee 1 w - w - f - f
Idee 2 w - f - w - f
   
NACHHER WAHRHEITSWERT
Idee 1 und Idee 2 w - f - f - f
Idee 1 oder Idee 2 f - w - w - w
beide oder keine w - f - f - w
entweder Idee 1 oder Idee 2 f - w - w - f
nicht ohne Idee 1 w - w - f - w
nicht aber Idee 1 f - f - w - f
nicht ohne Idee 2 w - f - w - w
nicht aber Idee 2 f - w - f - f
Idee 1 bestimmt w - w - f - f
Idee 1 bestimmt nicht f - f - w - w
Idee 2 bestimmt w - f - w - f
Idee 2 bestimmt nicht f - w - f - w
beide sowieso w - w - w - f
beide sowieso nicht f - f - f - w
beide eher doch? w - w - w - w
beide eher nicht? f - f - f - f

Es scheint zu klappen und zugleich auch nicht. Wir müssen schon sehr wohlwollend über die Spitzen hinwegsehen. Offensichtlich ist unsere Denkgrundlage zu einem guten Stück eine andere. Die Einführung von mehr als zwei Wahrheitswerten ist möglich, führt aber dann zu sehr viel mehr Kombinationen und löst unser Zufriedenheitsproblem genauso wenig.

Syllogismen

Syllogismen sind ebenfalls 'wenn ... dann'-Schlußfolgerungen. Ihre Besonderheit liegt darin, daß die beiden Ideen jeweils aus zwei Angaben bestehen, wovon eine der Angaben in beiden Ideen vorkommen muss.

Frage: Wenn alle Teller rund sind und einige Teller aus Porzellan, dann ...?

Lösung: dann ...

  1. ! sind einige Teller sowohl aus Porzellan als auch rund
  2. ! sind einige Teller rund, aber nicht aus Porzellan
  3. ? ist einiges aus Porzellan rund, aber kein Teller
  4. ? ist einiges aus Porzellan weder rund noch ein Teller
  5. ? ist einiges Runde kein Teller
  6. ? ist einiges Runde nicht aus Porzellan

Syllogismen decken insgesamt sechs Aussagen ab. Sie werden sehr häufig mit der Diagnose verwechselt, zumal die beiden Ideen 'Prämissen' und die Schlußfolgerungen 'conclusio' heissen. Die Quintessenz der Syllogismen ist jedoch die Mengenlehre, die der Diagnose die Definition.

Die Mengenlehre steht dabei auf schwankendem Grund. Was bitte ist das, was das Runde und das Porzellan nicht ist? Es bietet sich an, das Blatt Papier, auf das man seine Mengen gezeichnet hat, als separate Menge anzusehen. Als die Menge aller Mengen. Klingt gut, aber enthält die Menge aller Mengen sich selbst als Teilmenge?

Was ist, wenn ich versuche, möglichst alle Ideen zu sammeln? Heben sie sich dann gegenseitig auf (Nirvana) oder stoße ich auf etwas Grundlegendes, das sich selber trägt? Aus europäischer Sicht ist die Antwort klar. Das Sein ist entstanden. Dieses Sein umfasst alles, was es gibt. So muss es auch für alles herhalten, was der Mensch sich so denkt, inklusive der Mengenlehre.

Sein und Zeit

Wir haben die Zeit bereits stillschweigend benutzt. Das Vorher und das Nachher würden ohne Zeit nicht funktionieren. Was liegt näher, als die Zeit zu gliedern, um mehr über das Sein zu erfahren?

Der Vorschlag für eine Zeiteinteilung mittels Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit ist naheliegend. Das Vorher und das Nachher entsprechen dann der Zukunft und der Vergangenheit. Es fehlt nur noch die Gegenwart, das Jetzt. Und in dieser Gegenwart müsste (jetzt) das Sein gegenwärtig sein.

ZEIT SEIN MENGENLEHRE
nie nicht-Sein leere Menge
manchmal da-Sein Grundmenge
immer Seiend * Menge aller Mengen
vorher / nachher *** Teilmenge

* Bei PLATON ist 'Seiend' der Oberbegriff für das Gedachte, die Ideenwelt. Das Nichts (nicht-Seiendes) ist somit möglich! Und zwar in der Sinnenwelt, in der Zeit zwischen Vorher und Nachher, im Werden.
Es bahnte sich ein Streit an (Höhepunkt in der Scholastik), welches Seiende das wichtigere sei. Dabei wurden zwei Positionen vertreten: Existenz = Dasein vs. Essenz = Sosein **.

** Wer an der Ampel vorher ein grünes, nachher ein rotes Licht sieht, hat das da-Sein deshalb noch lange nicht erreicht. Erst wer sich dabei denkt 'Jetzt ist der richtige Moment gekommen, um zu handeln', befindet sich im da-Sein.

*** Wer das Sein bezweifelt, ist Nihilist.

Die leere Menge ist eine Menge, also ein Sein, das zugleich nicht ist. Es gibt kein Nichts. Selbst das, was wir mit Nichts meinen, ist in Wirklichkeit ein nicht-Sein. Wer in einer mathematischen Rechnung, die leere Menge als Ergebnis angibt, sagt damit aus, daß es nie eine Lösung gibt (Einige Mathematiker behaupten, daß die leere Menge ihren Durchschnitt enthalte. Der Durchschnitt gehört jedoch eindeutig zur Teilmenge, daher auch die Freiheitsgrade in der Statistik, bspw. bei der Berechnung von Streuungsmaßen um einen Mittelwert.) Der Teilmenge sieht man das Vorher und Nachher in der Schreibweise ihres Symboles an. Die Grundmenge gilt nur für den Moment der Berechnung. Vorher und nachher ist sie bedeutungslos.

(PARMENIDES um 500 vor: Fragmente)
4. Wohlan, so will ich denn verkünden, welche Wege der Forschung allein denkbar sind: der eine Weg, daß das Sein ist und daß es unmöglich nichts sein kann, das ist der Weg der Wahrheit, der andere aber, daß es nichts ist und daß dies Nichts notwendig sei, dieser Pfad ist gänzlich unerforschbar. Denn das Nichts kannst Du weder erkennen noch aussprechen.
5. Denken und Sein ist dasselbe.

Dialektik und Geometrie

Denken und Sein ist dasselbe. Die gedachten Ideen können sich aber nur so zueinander verhalten, daß sie auch das Sein abbilden.

Stellen Sie sich hierzu einen Gegensatz vor. Ein Gegensatz (Dualismus) erinnert doch an einen Streit. Wenn jedoch die Pfeile aufeinanderzeigten, könnten sie sich in einer Synthese verschmelzen. Und wenn sie aneinander vorbeizeigten, aber dennoch zueinanderfinden wollten (zwei Menschen unterhalten sich über dasselbe Thema), müsste der Raum schon irgendwie gekrümmt sein.

Dialektik (im weiteren Sinne) umfasst also alle Möglichkeiten, wie sich Ideen (in einem Gespräch) zueinander verhalten können. Was fehlt, ist die Bezeichnung für etwas, was der Menge aller Mengen vergleichbar ist. Diese gibt es tatsächlich. Ein Blatt Papier, auf dem alle Mengen eingezeichnet sind, ist eine Landkarte. Geographen nennen dieses Strichgewirr 'Raummuster'. Sie sind in der Lage, die Striche als Formen zu interpretieren und rekonstruieren damit die Entstehung jeder Landschaft. Das Fremdwort für das Auslegen von Texten und Kunstwerken lautet 'Hermeneutik', das für die Entstehung von Gegenständen 'Genese'. (Mathematiker interessieren sich für wiederkehrende Strukturen, die sie künstlich zu erzeugen versuchen und für die Mächtigkeit des Kontinuums.)

DIALEKTIK GEOMETRIE GEGENSTAND
Dialog nichteuklidisch Kontinuum
Synthese euklidisch Struktur
Hermeneutik Raummuster Genese
Dualismus Symmetrie Formenwandel
- komplex - fraktal - selbstähnlich
- einfach - polar - ähnlich

Religion

Jede monotheistische Religion will den Dualismus durch besondere Tugenden überwinden. Eine Religion ist also nicht an ihre Kirchenoberen gebunden, sondern vielmehr an die Bereitschaft ihrer Mitglieder, sich tugendhaft zu verhalten.

(LENNON 1970)
Imagine there's no heaven
It's easy if you try
No hell below us
Above us only sky
Imagine all the people
Living for today...
Imagine there's no countries
It isn't hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion too
Imagine all the people
Living life in peace...
You may say I'm a dreamer
But I'm not the only one
I hope someday you'll join us
And the world will be as one
Imagine no possessions
I wonder if you can
No need for greed or hunger
A brotherhood of man
Imagine all the people
Sharing all the world...
You may say I'm a dreamer
But I'm not the only one
I hope someday you'll join us
And the world will live as one

Der Sammelbegriff für dualistisches Gedankengut innerhalb einer Religion ist 'gnostisch' oder einfach Sekte.

Gott 1: gut - rein - Mann - wertvoll - Himmel - Licht - objektiv - (Wieder)Geburt - vorher ...
Gott 2: böse - unrein - Frau - wertlos - Hölle - Schatten - subjektiv - Tod - nachher ...

Die zweite Gottheit (Demirurg) ist ein Engel (Luzifer, Sophia, Adam), der vom ersten Gott abgefallen ist.

Diskussion

Wenn ich diskutiere, dann setze ich die Dialektik in eine religiöse (=tugendhafte) Handlung um.

  1. Ich glaube,
    daß die Gedanken meiner Diskussionspartner zum Thema gehören.
  2. Ich liebe es,
    Synthesen zu erarbeiten.
  3. Ich hoffe,
    daß wir durch die Diskussion der Lösung ein Stück näher kommen.

Doch nicht alle Menschen wollen diskutieren. Gnostische Denker haben ihr Ideal bereits gefunden und würden dieses auch mit aller Gewalt verteidigen. Es ist ihnen ganz egal, daß durch ihre Sturheit neue Gegensätze geschaffen werden, denn nur sie haben Recht und nur sie, so glauben sie, werden am Ende gewinnen.

(EVOLA 1953/87:145)
Für den wirklichen revolutionären Konservativen geht es um Treue, nicht zu Formen oder Institutionen vergangener Zeiten, sondern zu grundlegenden Prinzipien, wovon die einen oder die anderen Formen zu einer gewissen Zeit und in einem bestimmten Gebiet vielleicht auch ein besonders geeigneter Ausdruck gewesen sein könnten. Und während sich diese besonderen Ausdrucksformen für sich als vergänglich zu bezeichnen sind, weil oft mit unwiederholbaren geschichtlichen Situationen verbunden, haben die entsprechenden Prinzipien einen Wert, der von solcher Zeitbedingtheit nicht berührt wird und auf ewig 'aktuell' ist.

Aus gnostischer Sicht sollte Konsens untereinander herrschen. Wenn es mal keinen Konsens a priori gibt, muss eben a posteriori ein Kompromiss geschaffen werden. Daß dieser dann nicht nur durch geheime und freie Wahl sondern auch durch Einschüchterung und Bestechung erreicht werden kann, ist ein alter Hut.
Die Demokratie täte daher gut daran, die Diskussion per Gesetz zu verankern. Was nützt mir mein Wahlrecht, wenn ich Politiker zur Auswahl habe, die, wenn überhaupt, nur in nicht-öffentlichen Gremien diskutieren wollen? Die Antwort darf nicht lauten 'ich kandidiere selber'. Die Antwort muss lauten 'ich nehme teil an der Diskussion'. Die Wahl würde an Bedeutung verlieren, wenn der Staat keine 'vorgefertigte Meinung'-Repräsentanten regieren liesse, sondern diejenigen, die eine Diskussion entfachen, leiten und zu einem fruchtbaren Ergebnis bringen können.

Männerbünde

An dem Wort 'Wesen' kann man eine philosophische Arbeit erkennen. Es gibt deren vier (Körper, Substanz, Materie, Freiheit), wobei im Folgenden nur die vierte, die Freiheit, genauer gesagt der römische Freiheitsbegriff, von Interesse ist.

FREIHEIT
- res publica
- res privata

Die Unterteilung in öffentliche und private Angelegenheit ist auch die in Demokratien verbreitete. Man könnte sagen, daß soziale Politiker die Freiheit aller im Augen haben, während liberale Politiker eher die private Freiheit ausbauen möchten. Wo aber stehen konservative Politiker?

ANTHROPOZENTRISCH FREIHEIT
- sozial - res publica
- liberal - res privata

Da gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder auf Seiten der dreifaltigen Tugend (Glaube, Liebe, Hoffnung) oder sie sind Dualisten, die einen Denkfehler begangen haben:

RICHTUNG NATUR KULTUR
- a priori - objektiv - ethisch
- a posteriori - subjektiv - moralisch

Wer dasjenige, was ist, mit demjenigen, was sein sollte, durcheinanderbringt, nimmt einen konservativen Standpunkt ein.

(KANT 1786: 61)
Handle so, als ob die Maxime Deiner Handlung durch Deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte.

Kant entschuldigt sich durch seinen Willen. (Diesen werden Schopenhauer, Nietzsche und die Phänomenologen in der Folge auseinandernehmen.)

WILLE FAKTUM VISION
- ideell - weich - Einsicht
- materiell - hart - Absicht

Schlimm ist dieser Denkfehler, wenn sich der Konservative als etwas Besonderes sieht, den Willen absolut setzt und sowohl gegen das Dualistische (Demokratie!) als auch gegen das Dreifaltige (Diskussion!) wettert und dabei seine militärischen Tugenden hochhält. Solche Denker sind Faschisten.

(EVOLA 1953/87:160f)
Man kennt die Lehre, die den Staat von der Familie herleiten möchte: Dasselbe Prinzip, das die Familie und die gens bildet, soll, ergänzt und erweitet, zur Bildung des Staates geführt haben. Ganz gleich, wie die Dinge stehen, beruht der Gedanke, so den Staat auf eine rein natürliche Ebene zurückzuführen, von vorneherein auf einem Fehler ... Doch auch, wenn man die Familie in einem rein naturverbundenen Sinn auffaßt oder so, wie sie sich heute mehr oder weniger darstellt, ist das Bildungsprinzip der eigentlichen politischen Gemeinschaft in einem ganz anderen Rahmen als dem der Familie zu suchen: Es muß auf der Ebene der Männerbünde gesucht werden ... Zu allererst gibt es da eine besondere Heiligung, nämlich die eines Mannes, der 'einen Niveauwechsel vollzogen hat' durch seine Loslösung von der rein natürlichen und vegetativen Ebene. Seine Ergänzung findet er in der Macht, das heißt dem Befehlsprinzip in der Hand des 'Männerbundes' ... Dann bricht diese Linie, und der Verfall der Staatsidee, der parallel zum Verfall und zur Verdunklung des reinen Prinzips der Souveränität und der Autorität eintritt, findet seine Abschluß in der Umkehrung, durch die die Welt des demos, der materialisierten Massen, auftaucht, um den politischen Bereich zu erobern. Das ist auch der tiefste Sinngehalt jeder Form von Demokratie im ursprünglichen Sinn des Begriffes und mit ihr ebenso eines jeden 'Sozialismus'. Beide sind ihrem Wesen nach Anti-Staat, Niedergang und Verunreinigung des politischen Prinzips. Mit diesen vollzieht sich auch der Übergang vom Männlichen zum Weiblichen, vom Geistigen zum Materiellen und unterschiedslos Vermischten. Das ist eine Rückentwicklung ...

Ebenso gefährlich (wie konservativ) sind die Technokraten (die sich allerdings selbst als Fortschrittsapostel sehen). Was in Machbarkeitsstudien möglich erscheint, muss auch sofort umgesetzt werden. Ansonsten sind sie beleidigt.

(RIEZLER 1941: sinngemäß aus CARNAP, Buch ist verschollen)
Der Tag ist kalt für einen Neger und heiß für einen Eskimo. Sie legen den Streit bei, indem sie 15 C auf ihrem Thermometer ablesen. Sie sind stolz darauf, durch Elimination die objektive Wahrheit gefunden zu haben ... durch Elimination des Negers wie des Eskimos.

Masse und Macht

(CANETTI 1960/96:357ff)
Der Befehl ist älter als die Sprache, sonst könnten ihn Hunde nicht verstehen ... Zum Befehl gehört es, daß er keinen Widerspruch erlaubt. Er darf nicht diskutiert, nicht erklärt oder angezweifelt werden. Er ist knapp und klar, denn er muß auf der Stelle verstanden werden. Eine Verzögerung in der Aufnahme beeinträchtigt seine Kraft. Mit jeder Wiederholung des Befehls, die nicht von seiner Ausführung gefolgt ist, verliert er etwas von seinem Leben ... Jeder Befehl besteht aus einem Antrieb und einem Stachel. Der Antrieb zwingt den Empfänger zur Ausführung, und zwar so, wie es dem Inhalt des Befehls gemäß ist. Der Stachel bleibt in dem zurück, der den Befehl ausführt ... Unverändert wird er wieder ausgestoßen, aber die Gelegenheit muß dazu da sein; die neue Situation, in der er sich ablöst, muß der alten, in der er empfangen wurde, zum Verwechseln ähnlich sein. Das Wiederherstellen solcher früherer Situationen, aber in Umkehrung, ist eine der großen Quellen seelischer Energie im Leben des Menschen. Der 'Ansporn', wie man so sagt, dies oder jenes zu erreichen, ist der tiefste Drang, an Befehlen loszuwerden, was man einmal empfangen hat.
Nur der ausgeführte Befehl läßt seinen Stachel in dem, der ihn befolgt hat, haften. Wer Befehlen ausweicht, der muß sie auch nicht speichern. Der freie Mensch ist nur der, der es verstanden hat, Befehlen auszuweichen, und nicht jener, der sich erst nachträglich von ihnen befreit.

Alles, was im normalen Leben 'schnell-schnell' gehen muss, ist ein Befehl. Wer darauf eingeht, tut etwas, dessen Auswirkungen er nicht abschätzen kann. Dann hat der Befehlsausführende nicht nur auf das verzichtet, was er just zu diesem Zeitpunkt sonst gerne getan hätte, er hat dann womöglich auch ein Eigentor geschoßen.
Wieviel anders ist da die christliche Nächstenliebe, die einfache, spontane Hilfsbereitschaft ohne Erwartungsdruck ermöglicht!

(CANETTI 1960/96:368ff)
Die Erziehung des Soldaten beginnt damit, daß ihm viel mehr verboten wird als anderen Menschen. Auf die kleinsten Übertretungen stehen schwere Strafen. Die Sphäre des Nicht-Erlaubten, mit der jeder als Kind schon vertraut gemacht worden ist, erweitert sich für den Soldaten ins Riesenhafte. Mauern über Mauern werden um ihn errichtet; man leuchtet sie für ihn ab, man lässt sie vor ihm wachsen. Ihre Höhe und Strenge kommt ihrer Deutlichkeit gleich. Es ist von ihnen immer die Rede, er kann nicht sagen, daß er sie nicht kennt. Er beginnt, sich so zu bewegen, als ob er sie immer um sich fühlte. Das Eckige des Soldaten ist wie das Echo seines Körpers auf ihre Härte und Glätte ... Die Disziplin macht das Wesen der Armee aus. Aber es ist zweierlei Disziplin, eine offene und eine geheime. Die offene ist die des Befehls ... Aber diese manifeste Disziplin ist nicht alles. Es gibt daneben eine, von der er nicht spricht und die sich auch gar nicht zeigen soll, eine geheime ... Es ist die Disziplin der Beförderung ... Dient er als einfacher Soldat, auf der niedrigsten Stufe der militärischen Hierarchie, so ist ihm jede Gelegenheit versagt, seine Stacheln loszuwerden, denn er selber kann keine Befehle erteilen ... Sobald er befördert ist, hat er selbst zu befehlen ... Seine Stacheln kommen nun als Befehle zum Vorschein.

Metaphysik

Anstelle von Menschen ist es besser, die Natur zu instrumentalisieren. Dazu setzen sich die Vorher-Nachher-Forscher Scheuklappen auf (begnügen sich also ganz bewusst mit einer Teilmenge des Seins) und beginnen zu experimentieren. In ihrem Versuchsaufbau sehen sie dann genau, wie sich was ändert, und formulieren ihre Ergebnisse als wissenschaftliche Gesetze.

Was für Maschinen ausreicht, ist jedoch für den menschlichen Geist zuwenig:

  1. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Als Statist in einem Experiment wurde dennoch seine Würde genommen. So taugt er nur noch als Kanonenfutter, wird verheizt und schließlich geopfert. Ein Mensch könnte sich aber auch aktiv aufopfern, das würde ihn wertvoll machen, das ist seine Würde.
  2. Maschinen haben Nebenwirkungen. Wenn die Nebenwirkungen die Wirkungen überwiegen, muss die Umwelt vor ihnen geschützt werden. Die Vorher-Nachher Forscher sind hierzu nicht in der Lage, denn das, was sie als wertvoll und schützenswert erachten (Öko-Audit), entstammt einer Ideologie und setzt voraus, daß es gemessen werden kann. Die dreifaltige Umwelt beherbergt statt dessen einen Formenschatz, der in Periodensystemen klassifiziert wird. Sie besteht aus vielen Sphären, die jeweils den Geltungsbereich eines Systemes repräsentieren. Im Laufe ihrer Evolution gab es Phasen, in denen sich die Vielfalt verästelte bzw. einzelne Äste abgesägt wurden.

    UMWELT
    Bestand
    Sphäre
    Phase
    Bezug
    - ideologisch
    - empirisch

  3. Die Umwelt erfasst auch denjenigen Bereich, der erst durch den Menschen entstanden ist und ständig weiter entsteht. Damit ergibt sich für Vorher-Nachher-Forscher ein ernsthaftes Problem, weil das Wissen um ein gefundenes Gesetz sofort die Weiterentwicklung der Evolution beeinflußt (Rückkopplung) und damit die Aussagekraft des Gesetzes schmälert. (Vor Wahlen machen sich die Parteien dieses zu Nutze, indem sie Prognosen verbreiten lassen, die dem Wähler ein ihnen genehmes Ergebnis oder zumindest einen Aufwärtstrend signalisieren sollen.)
  4. Die Vorher-Nachher-Forscher sind sehr streng, wenn es darum geht, ob Gesetze nachprüfbar sind oder nicht. Sie verwerfen die Dreifaltigkeit als Spekulation, verwenden aber hemmungslos statistische Verfahren (Stichproben).

Methodologie

Wie erforsche ich das Sein? Ich möchte einen Irrtum vermeiden und auf keinen Fall zum Spielball des Chaos werden. Daher gehe ich mit System vor.

SPIEL
Risiko
Selektion
Spielregel
Strategie
- Vertrauen
- Kontrolle

  1. Ich weiss, das ich nichts weiss.
    Das Risiko des nicht-Seins möchte ich abstellen. Dazu umzingle ich erst mal meine Wissenslücke mit allem verfügbaren Wissen. Das sind zum einen die Periodensysteme der Umwelt, zum anderen die logisch denkbaren Zustände (indifferent, kritisch, überkritisch, chaotisch) eines Systems.
  2. Ich denke nach.
    Ich selektiere meine Vermutungen, bis sie sich eine Auswahl davon als Sphäre zu tragen beginnt. Diese Sphäre enthält das da-Sein zum Zuschlagen.
  3. Ich greife an.
    Auf allen Ebenen gleichzeitig (das Seiende!) findet der Angriff statt. Deshalb habe ich die Aufgaben verteilt (Phasen) und hierzu Schlachtreihen (Taxonomie) gebildet.
  4. Ich problematisiere.
    - Der Feind gibt sich mir durch sein Feindbild zu erkennen
    - Der Feind gibt sich mir durch seine Module zu erkennen

SYSTEM UMWELT METHODIK METHODOLOGIE
Zustand Bestand belagern Schema
Vermutung Sphäre nachdenken Ursache
Hierarchie Phase angreifen Überzeugung
Bezug Zugang Problem Interesse
- Ganzheit - Ideologie - allgemein - transzendent
- Reduktion - Empirie - speziell - technisch

(ORTEGA Y GASSET 1962:14)
Die großen philosophischen Probleme erfordern eine ähnliche Taktik, wie sie die Juden befolgten, um Jericho und seinen Innenkern einzunehmen; nicht in direktem Angriff, sondern durch allmähliche Einkreisung, mit jedesmal enger angezogener Krümmung und dem fortgesetzten Schall dramatischer Posaunenstöße in den Lüften.

Erkenntnis

Wie komme ich zu Erkenntnissen?

ERKENNTNISWEG
Verwandlung
Vollzug
Vollendung
Versuch
- Gedankenexperiment
- Experiment

  1. Eine uralte Erkenntnis kommt in einem ganz anderen Zusammenhang zu neuer Blüte.
  2. Mir gelingt es durch meine Untersuchung zu zeigen, daß das unbekannte Phänomen, bspw. ein UFO, erklärbar ist. Ich kann dieses Phänomen demonstrieren.
  3. Mit meiner Arbeit von bleibendem Wert habe ich ein Sachgebiet abgeschloßen. Die Zeit für eine vollkommen neue Sicht der Dinge ist gekommen.
  4. Ich kann durch meine Arbeit genau sagen, was passiert, wenn man dieses oder jenes tut. Entweder rennt man gegen diese oder jene Mauer (Gedankenexperiment) oder man erhält dieses oder jenes Ergebnis (Experiment).

Wie ordne ich Erkenntnis den verschiedenen Wissenschaften zu?

NW: Teilchenphysik, Astrophysik, Chemie, Mineralogie, Geophysik, Geochemie (Landschaftshaushalt), Biochemie, Kybernetik (Chaos)
GW: Verhaltensforschung (Biologie), Landnutzung (Geographie), Technikgeschichte, politische Geschichte, Symbolgeschichte, Kunstgeschichte, Geistesgeschichte, Sprache * (Mathematik, Kunst), Seinslehre

Die Natur- und Geisteswissenschaften haben denselben Forschungsgegenstand, nämlich die Phasen der Evolution. Die GW erforschen dabei diejenige Evolution, die erst durch den Menschen zustande gekommen ist.

* Die NW formulieren ihre Ergebnisse mathematisch, die GW in normaler oder gekünstelter Sprache.

Die Sozialwissenschaften (Soziologie ...) und angewandten NW (Maschinenbau ...) kümmern sich nicht um die verschiedenen Schichten des Seienden. Sie forschen pragmatisch, auf daß sie erfolgreich sind und viel Geld verdienen. (Die Medizin springt zwischen diesen beiden Gruppen hin und her.)

praxis, kosmos, eidos, logos

Was nützt mir alle wissenschaftliche Erkenntnis? Ich will leben. Ich muss irgendwie mit dieser Welt klarkommen, jeden Morgen früh aufstehen, die Kinder versorgen, dann zur Arbeit. Ich möchte mir auch nicht meine Unbefangenheit mir und den Naturgewalten gegenüber von den Wissenschaften rauben lassen. Für mich gibt es Rhythmen, Schicksal und eine ausgleichende Gerechtigkeit im Leben, selbst wenn diese Ansichten nicht wissenschaftlich haltbar sein sollten. Was zählt, ist unabhängig in seinen Entscheidungen zu sein. Diese 'Freiheit' nehme ich mir.

PRAXIS LEBEN FREIHEITEN
autonomia bios politikos sich selbst bestimmen
autarkeia bios apolaustikos sich selbst genügen
eleutheria bios theoretikos geistreich sein
doulus (Sklave) biaios (lebensunwert) poiesis (herstellen)

Was die persönliche Beziehung zur Natur angeht, so gibt es die Bezeichnung 'kosmos'.

ARCHAI DYADE GESCHLECHT ÄON KOSMOS
- Übermensch - Verstand - männlich - unbewusst - esoterisch
- Mensch - Lebenskraft - weiblich - bewusst - exoterisch

Für den Wunderglauben steht 'eidos'.

ORAKEL ESSENZ TEMPEL EIDOS
Gestirn astral Bezirk Macht
Himmel ätherisch Ausstrahlung Idee
Aura hypnotisch Wind Keim
Licht gnostisch Engel Eudämonie
- hell - ambrosia - Vernunft - Utilitarismus
- dunkel - Apfel - Versuchung - Hedonismus

Und 'logos' ist die Eigenschaft des göttlichen Schöpfers.

SEELE ZEIT LOGOS
Charakter Rhythmus Fließen
Harmonie Potenz Zeugung
Selbst Marke Hochziel
Organ Strömung Teilhabe
- Zweck - Ideal - überleben
- Ziel - Mode - ausleben

Wesen

Das Wort 'Wesen' verweist unmittelbar auf die bereits umrißenen Zauberworte praxis, kosmos, eidos und logos.

  1. Körper
    In der Wissenschaft ist ein Phänologe einer, der den astronomisch bedingten Körper der Jahreszeiten im Wald aufzufinden sucht, um daraus praktischen Nutzen für die Landwirtschaft zu ziehen (Aussaattermine ...). Wer dagegen die Gestalt der Sternbilder deutet, um politische oder zwischenmenschliche Probleme zu meistern, ist ein Astrologe.
  2. Substanz
    Ein Prozess ist das zeitliche Voranschreiten eines Geschehens (Sukzession) von einer Marke zur nächsten. Jeder einzelne Prozess kann seinerseits Unterprozesse aufweisen. Bei irgendeinem kleinsten Partikel wird es losgehen. Ohne diese Substanz könnte der Prozess gar nicht stattfinden und folglich auch nicht erforscht werden. Die Substanz ist nicht absolut, sondern nur für einen Prozess gültig. (Daher wurde die Idee eines absolut kleinen Äthers verworfen. An seine Stelle sind bspw. in der Teilchenphysik die Trägerteilchen getreten, die zugleich Welle und Körper sein sollen. In der Bio-Chemie ist das Chlorophyll die Substanz für die Atmung.) Prozesse in Flüßigkeiten oder Gasgemischen sind häufig umkehrbar, in verwitternden Substraten eher nicht.
  3. Materie
    Leben ist entstanden, als eine bestimmte Anzahl von Molekülen an einem Ort mit unterschiedlichen physikalischen Aggregatszuständen irgendwelchen Energien ausgesetzt war. Dieses Wunder (der Seele wurde Leben eingehaucht) würde sich unter den gleichen Rahmenbedingungen (Form der Formen) immer wieder ereignen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es sich bereits mehrfach ereignet hat. Immer dann, wenn sich etwas zeigt, von dem man noch gar nicht weiss, was es sein könnte, spricht man von Materie. (Ist die Erde beim Urknall entstanden? Nein. Ist das Sonnensystem beim Urknall entstanden? Nein. Was ist beim Urknall entstanden? Materie und Anti-Materie. Die Anti- Materie hat sich zerstrahlt. Ein Teil der Materie ist übrig geblieben. Jetzt erst differenzieren sich die kleinsten Teilchen, diese sammeln sich zu Nebeln, verdichten und bilden unter anderem die ersten Sonnen. Sonnen sind chemische Fabriken. Sie fusionieren in ihrem Inneren Protonen zu Atomkernen, deswegen strahlen sie. Wenn ihr Brennstoff zur Neige geht, explodieren manche. Durch die freiwerdende Energie werden einige Atomkerne noch größer. Nach mehreren Generationen von explodierenden Sonnen sind genügend verschiedene Atomkerne vorhanden, die sich zwischenzeitlich auch Atomhüllen eingefangen haben und zu Molekülen gewachsen sind. Gleichzeitig sind die Gestirne komplex genug aufgebaut und fast nur noch einem periodischen Wechsel unterworfen...)

Wie jetzt?

Die meisten philosophischen Texte sind Übersetzungen, mehr noch, sie stammen gar nicht vom angegebenen Autor. Sie wurden in seinem Sinne von Schülern oder Kommentatoren (sehr) viele Jahre nach seinem Tode niedergeschrieben. Von diesen Texten sind häufig nur einzelne Fragmente späterer Abschriften bekannt. Selbst bei originalsprachigen Texte spielt es zum Verständnis überhaupt keine Rolle, was ein klassischer Autor genau sagt und wie er das Gesagte wertet. Es kommt allein darauf an, daß er etwas sagt und daß er dieses wertet.

Jeder von uns kennt das Problem, etwas Einfaches sagen zu wollen, sich dabei aber umständlich oder mißverständlich auszudrücken. Jeder von uns ist Gefangener seiner Zeit und seiner Herkunft und wird seinen Zeitgeist oder Lokalkolorit niemals ganz ablegen können. Aufgrund dieser Mängel haben sich bereits hunderte von Autoren zum selben Thema geäußert; es werden sich in Zukunft weitere Autoren dazugesellen. Niemand wird erwarten, daß sich diese grün sind, niemand sollte das Geschwätz eines dieser Autoren auswendig lernen.

Der Antrieb für die Philosophen war, die Ideen der anderen zu sammeln und neu zu gliedern. Vielleicht wollten manche neue Ideen im Voraus erahnen können, vielleicht wollten andere sich Gott nähern und das Paradies auf Erden verwirklichen. Philosophen sind jedenfalls komische Menschen. Denn wer sich nur für die Ideen, für das Dahinterstehende eines Sachverhaltes interessiert, wird auch seine eigenen Gedanken in allem, was er bereits als Idee formulieren konnte, idealisieren. Seine Verhaltensweisen werden sich dementsprechend verändern.

Wenn Sie also ein Buch lesen und bei sich denken, der Autor habe eine kleine Meise, so ist das ganz normal. Bücher, in denen man nicht die Persönlichkeit des Autoren spürt, taugen philosophisch nichts. Ihre Aussagen sind aufgesetzt und nicht ehrlich gemeint. Lachen Sie den Autoren jedoch nicht aus. Lassen Sie sich von ihm nicht schockieren oder abschrecken. Selbst Ihr größter Feind denkt irgendwie. Sie können ihm folgen, wenn Sie sich nicht in seine Aussagen einlassen, sondern sich vielmehr auf das philosophisch Wesentliche konzentrieren. Was ist Ihrer Meinung nach für den Autoren das Wichtigste, der Körper, die Substanz, die Materie oder die Freiheit?

Texte, die sich zum Philosophieren eignen, sind solche Texte, bei denen Ihnen urplötzlich Gedanken kommen. Sie finden sie überall. Texte von Philosophen dagegen stehen in der Bibliothek. Ziehen Sie blind einen Originaltext (keine Biographie) aus dem Regal, schlagen Sie ein paar Seiten auf und lesen Sie quer. So finden Sie das Buch, das Ihnen gefällt und wohl auch am meisten bringt. Das Internet ist hierzu ungeeignet und dient nur zur Recherche, welche Bücher es in welcher Bibliothek gibt. Sowohl die Württembergische Landesbibliothek (WLB) als auch die Universitätsbibliothek in Stuttgart sind für alle zugänglich und kosten keinerlei Gebühren. Via Internet kann man die Bücher bestellen und bei Gelegenheit dann abholen. Aber nur in der Uni-Bibliothek (Stadtmitte) laden die Regale zum Schmökern ein.

(IVANOV 1983:45)
Das Gedächtnis des Menschen wird in vieler Hinsicht durch das Vorhandensein von Verbindungswegen zwischen der linken Hemissphäre, in der die Wörter in ihren phonetischen Hüllen aufbewahrt werden, und der rechten Hemisphäre mit ihrem Vorrat an bildlichen Darstellungen bestimmt ... Sehr feine Beobachter des menschlichen Seelenlebens - Schriftsteller, Denker, bildende Künstler - beschreiben dies als einen kontinuerlichen Strom von Bildern, der bei vielen Menschen an einen Kinofilm erinnert, den der Mensch ständig in seinem Inneren anschaut. Nach der Vorstellung von der rechten Hemisphäre als dem Hauptsitze bildlicher Darstellungen muss eben dort auch dieser Film ablaufen.

Auch ich habe versucht, meinen Bilderstrom in Worte und Tabellen zu fassen. Keine Großhirnhälfte sollte dabei zu kurz kommen.

(IVANOV 1978/83:42)
Die linke Hemisphäre analysiert und synthetisiert Sätze, wobei sie die ganze grammatische Information benutzt, von der Information über den Sinn der Wörter aber nur den verhältnismäßig kleinen Teil verwendet, der direkt mit der Grammatik zu tun hat. So hat der Unterschied zwischen den Präpositionen 'über' und 'unter' bei den Funktionen der linken Hemisphäre keine Beziehung zum konkreten Bild der Welt, sondern nur einen ganz allgemeinen Sinn, der auf beliebige Situationen passt, in denen diese Wörter gebraucht werden können.

Mein Ziel war, die Denker verbaler Gegensatzpaare als Nachplapperer bloßzustellen. Falls mir dieses gelungen sein sollte, so haben Sie tatsächlich das Niveau eines Doktoranden erreicht. Zur Meisterschaft fehlt Ihnen dann nur noch die Leseerfahrung bestimmter Autoren und das selbständige Schreiben von Texten zu Themen Ihrer Wahl. Viel Vergnügen!

Ihr Stefan Schill
Plochingen, den 1. September 2002

Literatur

CANETTI, E.(1960): Masse und Macht.- Sonderausgabe 1996; 584 S., Frankfurt.
CARNAP, R.(1969): Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften.- 296 S., München.
EVOLA, J.(1991): Menschen inmitten von Ruinen.- 405 S., Tübingen.
FOUCAULT, M.(1966): Die Ordnung der Dinge.- 15. Auflage 1999; 470 S., Frankfurt.
IVANOV, V.(1978): Gerade und Ungerade.- Deutsche Auflage 1983; 221 S., Stuttgart.
KANT, I.(1786): Grundlegung der Metaphysik der Sitten.- 2. Auflage; 149 S., Riga.
LENNON, J.(1970): Imagine.-
ORTEGA Y GASSET (1962): Was ist Philosophie?- 275 S., Stuttgart.
PARMENIDES: Fragmente
RAVN, I.(1994): Chaos, Quarks und schwarze Löcher.- 1. TB-Auflage 1997; 279 S., München.
SCIACCA, M.(1964): Akt und Sein.- 127 S., Freiburg.
WOJTILA, K. (PAPA, II.) (1998): Enzyklika Fides et Ratio, Glaube und Vernunft.- amtliche vatikanische Fassung; 112 S., Stein am Rhein.