Autor: Stefan Schill, erstellt am 9. April 2003 (Schill.Stefan@t-online.de)

Wege und Irrwege geschichtlichen Denkens

Die Vergegenwärtigung der Vergangenheit stellt ein Problem dar.

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Der selbstische Wille, der stets so findig ist, wenn es 'gute Gründe' aufzutreiben gilt, sucht auch dem Bilde der Vergangenheit diejenigen Züge aufzuprägen, die darnach angetan sind, ihm recht zu geben und das ihm Widerstrebende zu komprimitieren. Mit durchtriebener Kunstfertigkeit wird das Dereinst so zurechtgelegt und umgemodelt, wie das Heute es gerne sehen möchte.

Der nachträglichen Geschichtsverfälschung steht jedoch die Erinnerung im Wege.

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[Erst] Durch die Zauberkraft der Erinnerung wird [...] dasjenige, was im Augenblick, seiner selbst ungewiß, zum Dasein empor- und der Zukunft entgegendrängt, in das Licht der Besinnung getaucht ...

Somit ist Geschichte zumindest teilweise wahr.

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In mir als sich Erinnernden sind Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig vereint und doch auch schärfstens voneinander unterschieden. Dieses Ineinander von Vereinigung und Unterscheidung ist die Voraussetzung dafür, daß ich von dem Wandel wissen kann, der geschehen musste, damit meine Vergangenheit sich in meine Gegenwart hinüber bildete. Daß ich von ihm wissen kann, ist der strikte Beweis dafür, daß ich nicht dem Fluß der Zeit bedingungslos anheimgegeben bin, sondern mein Haupt über ihn zu erheben vermag. Es mag sein, daß der konkrete Inhalt, der mir durch die Erinnerung vor Augen gebracht, zur Anzweiflung Anlaß gibt. Aber auch wenn Erinnerung mich soundso oft täuscht, als Akt der Vergegenwärtigung bedeutet sie unter allen Umständen eine Leistung, die der Überwindung der Zeit gleichkommt.

Die Geschichte ist umso wahrer ...

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... je zahlreicher und zwingender die Verbindungen des Früheren mit dem Späteren sind

Wie erkennt ein Historiker die Verbindungen des Früheren mit dem Späteren?

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Was in ihm als treibende Kraft wirksam ist, das ist zuletzt ein Bedürfnis nach kausaler Verknüpfung, wie es in der Wissenschaft der vollendeten Gegenständlichkeit, der exakten Naturwissenschaft, seine reinste Befriedigung findet.

Die Antwort ist falsch.

  1. Die Geschichte ist vielschichtig. Sie umfasst Umweltgeschichte, Technikgeschichte, Politik, Semiotik, Kunstgeschichte und Philosophiegeschichte.
  2. Wer sich mit einer bestimmten Fragestellung beschäftigt, wird sich hierfür ein System schaffen, um darin Periodensysteme, Sphären und Phasen zu finden, deren Logik er dann am konkreten Beispiel belegt.
  3. Wer Geschichte als 'Wissenschaft der vollendeten Gegenständlichkeit' betreibt, kann nur noch die harten Fakten verwerten. Wem aber die schwammigen Erinnerungen verlorengehen, begibt sich auf das Gebiet der Willkür.

Literatur
LITT, T.(1948): Wege und Irrwege geschichtlichen Denkens.- 155 S., München.