Autor: Stefan Schill, erstellt am 24. Januar 2001 (Schill.Stefan@t-online.de)

Was wollen Freimaurer?

Der Autor dieser Zeilen ist kein Freimaurer, er ist vielmehr an Philosophie interessiert und wundert sich, was an den Freimaurern so geheimnisvoll sein soll. Aus diesem Grund hat er sich in der Universitätsbibliothek Stuttgart eine Aufklärungsschrift von Anton Werner Spancken aus dem Jahre 1927 ausgeliehen, die seinerzeit vom Verein deutscher Freimaurer der Technischen Hochschule Stuttgart überreicht wurde.

SPANCKEN 17
Die Freimaurerei ist keine Doktrin oder Lehre, keine Wissenschaft, die eine bestimmte philosophische oder religiöse Lehre mitteilt, sondern sie ist eine Kunst, eine Lebenskunst ...

Mal sehen, was es mit dieser Kunst so auf sich hat.

SPANCKEN 18
Weil die Freimaurerei die edelste und vornehmste Kunst des Menschenstrebens ist, weil sie eine Würde und Majestät der Prinzipien enthält, die sie hoch über alle anderen Künste erhebt, wird sie die 'königliche Kunst' genannt.

Das versteht jetzt nur, wer Karl Christian Friedrich Krause (aus dem Jahre 1829) gelesen hat:

KRAUSE 173
Jeder [Mensch] bringt nur bestimmte Theile der ganzen menschlichen Bestimmung in seinem eigenthümlichen Berufe zu vorzüglicher Vollkommenheit ... Daraus folgt, dass ein jeder einzelne Mensch seine wesentliche Ergänzung hat in allen anderen Menschen zusammengenommen, dass er erst im gesetzmässigen, harmonischen und organischen Lebenverein mit anderen selbst ein harmonisches und vollständiges Individuum ist.

Krauses Idee war die eines Menschheitsbundes auf Erden.

KRAUSE 174
... alle Menschen, die in demselben Lebenkreis der Natur, verbunden als ein organisches Geschlecht leben, sind bestimmt, ein individuelles Vereinganze oder ein gesellschaftliches Ganze des Lebens zu sein, ein gesellschaftliches Ganze, in welchem jeder einzelne Mensch als Einzelner lebend besteht und vollendet wird, worin aber alle vereint ... eine höhere moralische Person ausmachen; so dass sie, alle untereinander wesentlich vereint, ihr Leben wie ein ganzer höherer Mensch vollführen ...

Gerade Freimaurer verwirklichen dann das Höhere*, wenn es ihnen ...

SPANCKEN 29
... alleine darauf ankommt, sowohl die Einzelmenschen wie den Staat zu einem inhaltlich möglichst vollkommenen Gebilde zu gestalten.

Wo Licht ist, ist auch Schatten.

SPANCKEN 30
Die romanischen Logen oder die meisten von ihnen sind den ursprünglichen Grundsätzen der Freimaurerei untreu geworden, indem sie die Politik in ihren Aufgabenbereich einbezogen ... Man erstrebte die Macht im Parlament und glitt damit in die Niederungen des politischen Parteienkampfes hinab.

Logenmitglieder machen gemeinsame Sache, um sich selbst und nicht dem öffentlichen Anliegen zu dienen. Dabei kommt ihnen die Verschwiegenheit der Bruderschaft wie gerufen.

KRAUSE 179
Was die Geheimbünde oder Mysterien anbetrifft: so können gerade sie weder der dem ganzen Menschheitleben gewidmete Verein selbst, noch der darin enthaltene urwesentliche, oberste Gesellschaftsverein sein. Eben dieser Verein sondert sich nicht ab und ist seiner Wesenheit nach offenkundig, mit voller Publicität, erkennbar und wirksam am Tage des Lebens selbst, wie das Sonnenlicht.

Das ist eine Warnung Krauses, dessen Publikationen zeitlebens zu verhindern versucht wurden, und der bis heute ein Geheimtip deutscher Philosophie geblieben ist.

SPANCKEN 70
Die deutsche Freimaurerei fürchtet Feinde nicht. Im Gegenteil, sie wünscht sich aufrichtig Feinde, scharfe Feinde; denn würde sie nicht bekämpft, so wäre das für sie ein Zeichen dafür, daß sie als geistige Macht, als schöpferische Kraft keine Bedeutung habe, daß sie eine quantité negligeable sei.

* Krause war ein Dualist, der zwischen niederen und höheren Wesen unterschied. Normalerweise ist 'Wesen' ein dreifaltiger Begriff (Körper, Substanz, Materie) und das dualistische 'Wesen' trägt einen anderen Namen. Es ist die Freiheit** der res publica (öffentliche Angelegenheit) und der res privata (Privatangelegenheit).

** Die 'Freiheit' der alten Griechen war dreifaltig und hiess dort 'Praxis'. Heute wird das Wort dualistisch im Sinne von 'viel Übung oder Erfahrung haben' verstanden.

Literatur:
KRAUSE, K.C.F.(1904): Lebenlehre oder Philosophie der Geschichte.- 474 S., Leipzig.
SPANCKEN, A.W.(1927): Die deutschen Freimaurer.- 100 S., Bielefeld.