Autor: Stefan Schill, erstellt am 15. Juli 2002 (Schill.Stefan@t-online.de)

Der Wink mit dem Zaunkönig

Eine Eule und eine Nachtigall streiten sich im England des 13. Jahrhunderts darüber, wer von beiden der bessere und nützlichere Vogel sei. Am Ende gewinnt die Nachtigall, die Eule droht mit Gewalt. Da schaltet sich ein Zaunkönig ein und ermahnt beide, den König und die Justiz, zu achten.

Von diesem mittelalterlichen Kleinod mit seinen knapp 1800 Versen sind nur noch zwei Abschriften erhalten. Daran dürfte die Kirche nicht ganz unschuldig sein, sagt der Text doch nichts anderes aus, als daß die Freude am Leben göttlicher ist, als das, was Männerbünde ihren Mitgliedern anzubieten haben.

Der Dichter hat sich einen Disput zusammengereimt, welcher exakt die herrschenden Zustände beschreibt. Seine Zielgruppe war das einfache Volk, welches zugleich belehrt wie auch unterhalten werden sollte. Die Denkweisen der Vögel haben philosophische Größe und gelten bis heute. Der Gegensatz von Technokraten und von sich über sie wundernden Mitbürgern ist nämlich noch lange nicht aufgehoben.

Als die Eule die von der Nachtigall zu Anfang erhobene Schuldzuweisung, in ihrer eigenen Rede verwendet, kommen alle Singvögel vorbei, um der Nachtigall zu gratulieren. Die Eule ist kurz davor, ihre Freunde, die Raubvögel, herbeizurufen. Die drohende Konfrontation wird von einem Zaunkönig abgewendet. Beide 'Streithähne' willigen ein, ihre Sache bei Gericht vorzutragen.

Der Wink mit dem Zaunkönig verrät dem Hörer das ausstehende Urteil und die Identität des Dichters:

  • Der Männerbund muss erkennen, daß die höchste Instanz nicht das Befehlsprinzip, sondern die Diskussion ist.
  • Die Lebensfreude ihrerseits ist nur dann geschützt, solange sie unbekümmert an das Gute im Menschen glaubt und die schönen Künste pflegt.
  • Der Richter und der Erzähler sind ein und dieselbe Person, ein praktizierender Schöngeist, ein wahrer Menschenfreund.