Autor: Stefan Schill, erstellt am 2. Januar 2002
(Schill.Stefan@t-online.de)

Was kommt nach Pisa?

Im Alter von 40 bis 50 Jahren pflegen Menschen eine seltsame Erfahrung zu machen. Sie entdecken, daß die meisten derer, mit denen sie aufgewachsen sind und Kontakt behielten, Störungen der Gewohnheiten und des Bewußtseins zeigen.[1]

Das sind ja heitere Aussichten!

Es ist, als ob die Menschen zur Strafe dafür, daß sie die Hoffnungen ihrer Jugend verraten und sich in der Welt einleben, mit frühzeitigem Verfall geschlagen würden.[2]

Brave Schüler werden belohnt.

Studenten, die an der Existenzweise des Habens orientiert sind, hören eine Vorlesung, ... so daß sie sich später ihre Notizen einprägen und eine Prüfung ablegen können.[3]

Das ist ja auch Sinn und Zweck der Schule.

Für Studenten, die in der Weise des Seins zur Welt bezogen sind, hat der Lernvorgang eine völlig andere Qualität ... Statt nur passiv Worte und Gedanken zu empfangen, hören sie zu und hören nicht bloß, sie empfangen und antworten auf aktive und produktive Weise.[4]

Die stören immer den Unterricht.

Was sie hören, regt ihre eigenen Denkprozesse an, neue Fragen, neue Ideen, neue Perspektiven tauchen dabei auf.[5]

Ach deshalb konnte ich früher keine Bücher lesen. Nach einer halben Seite ging immer meine Phantasie mit mir durch.

Die Schule ist bemüht, jedem Schüler eine bestimmte Menge an 'Kulturbesitz' zu vermitteln, und am Ende seiner Schulzeit wird ihm bescheinigt, daß er zumindest ein Minimum davon hat.[6]

Hat bei mir nichts genützt. Ich hab mir lieber experimentelle Musik angehört und über Chaostheorie und Ökologische Marktwirtschaft philosophiert.

Was er nicht lernt, ist das, was über den Wissensbesitz hinausgeht.

  • Er lernt nicht, die Philosophen in Frage zu stellen, mit ihnen zu reden, gewahr zu werden, daß sie sich selbst widersprechen, daß sie bestimmte Probleme ausklammern und manche Themen meiden.
  • Er lernt nicht unterscheiden zwischen Meinungen, die sich dem Verfasser aufdrängten, weil sie zu seiner Zeit als 'vernünftig' galten und dem Neuen, das er beitrug.
  • Er spürt nicht, wann der Autor nur seinen Verstand sprechen läßt und wann Herz und Kopf beteiligt sind,
  • er merkt nicht, ob der Autor authentisch oder ein Schaumschläger ist - und vieles andere.[7]

Ich wollte immer selbst denken, sah das 'Eigentliche' darin, wo es der Lehrer nicht bemerkte.

Der Leser in der Weise des Seins kann dagegen zu der Überzeugung gelangen, daß selbst ein hochgelobtes Buch mehr oder weniger wertlos ist. Vielleicht versteht er auch ein Buch manchmal besser als der Autor selbst, dem alles, was er schrieb, wichtig erschien.[8]

Inzwischen habe ich verstanden, was 'Sein' und 'Haben' bedeutet. Ich könnte Ihnen den Unterschied sogar erklären, lasse aber gerne die Original-Autoren zu Wort kommen. Alle drei sind um die Jahrhundertwende geboren.

Literatur:
FROMM, E.(1976/9): Haben oder Sein.-
     29. Auflage 2000; 215 S., München.
     Zitat [3] auf Seite 38
     Zitat [4],[5] auf Seite 39
     Zitat [6],[7],[8] auf Seite 44f
HORKHEIMER, M.& ADORNO, T.W.(1947/1969): Dialektik der Aufklärung.-
     Limitierte Sonderausgabe 1998; 275 S., Frankfurt.
     Zitat [1],[2] auf Seite 256