Autor: Stefan Schill, erstellt am 3. September 2003 (Schill.Stefan@t-online.de)

Deutschland, eine philosophiefreie Zone
- warum?

Zunächst entspricht es dem Wunschdenken unserer Führungskräfte, daß eine neue Zeit angebrochen sei. Das metaphysische Zeitalter, welches dem magischen gefolgt sei, habe sich überlebt und werde nun seinerseits durch das positivistische abgelöst. Ab sofort zählten nur noch die Fakten, so verdanke die Welt ihren Fortschritt ausschließlich der in Maschinen umgesetzten Empirie. Muttersprachliche Spekulationen seien hingegen ungenau und von subjektiver Natur, allein der Formalismus genüge dem Anspruch wissenschaftlicher Objektivität. Die Legitimation zur Führung ergebe sich nämlich einzig durch die Beherrschung der Erkenntnis. Dabei bestehe allgemeiner Konsens darüber, daß sich die Wahrheit nur in einem von Spezialisten geführten Diskurs zeige. Politische Entscheidungen müssten daher ohne die vielen ungebildeten Köpfe getroffen werden. Die Entscheidungsträger seien prinzipiell höherwertige Menschen. Wir Winzlinge bräuchten aber aufgrund der gesellschaftlichen Besserstellung der Wenigen nicht neidisch zu werden, vielmehr würden wir uns über deren Offenbarungen freuen.

Es soll niemand denken: 'Das, was die da oben können, kann ich auch.' Zu diesem Zweck müssen die Herrschenden sicherstellen, daß eine Diskussion über einen Gegenstand nicht zu Stande kommt. In keiner deutschen Tages- oder Wochenzeitung werden systematisch die Ideen gesammelt, die man zu einem bestimmten Thema haben könnte. Der Journalist lebt doch gerade davon, das leicht erklärliche Ereignis mittels vorgespielter Unkenntnis in einen Aha-Effekt umzuwandeln. Die Geldgeber wollen ausdrücklich Scheinlösungen zu Scheinproblemen vermarktet sehen. Das ungewöhnliche und entlarvende Ereignis muss dabei unter den Tisch fallen. Denn die Erinnerung ist Teil der metaphysischen Altlast, nur die Zensur nach der gängigen Richtlinie ist politisch korrekt.

Die Vision einer Informationsgesellschaft hat nichts mit Aufklärung der Bevölkerung zu tun. Es geht in Wirklichkeit darum, das technische Wissen dieser Welt den Unternehmern verfügbar zu machen. Die Beschäftigten derjenigen Unternehmen, die eine überdurchschnittliche Kompetenz aufweisen, sollen daran gehindert werden, sich ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten vom Unternehmer bezahlen zu lassen. Es tobt nicht der Kampf um die beste Produktqualität sondern die um die schlechtesten Arbeitsbedingungen. So betteln die von Entlassung bedrohten Arbeitnehmer um weitere Versklavung, während die Propaganda-Abteilung von oben gezielt Halbwahrheiten durchrieseln lässt.

Mit dem Hinweis 'In einem Rechtsstaat darf es keinen rechtsfreien Raum geben.' sollen solche Denkweisen eingeschüchtert werden, die ohne die Existenz eines (männlichen) Entscheidungsgremiums auskommen. Wer versagt, beruft sich einfach auf die Heiligkeit des Männerbundes, auf dessen Schultern bekanntlich der Staat ruhe. Auf internationaler Ebene entscheideten schließlich auch nicht die gewählten Parlamente sondern die global players hinter verschloßenen Türen.

Über das philosophische Warum dieser feindlichen Übernahme gibt das Denken von Konrad Lorenz Antwort. Die meisten Menschen unterscheiden nämlich zwischen einer Innen- und Außenwelt, sie glauben, Innen- und Außenwelt bildeten ein Gegensatzpaar. Die wahre Denkweise sei demzufolge die, alles zu spiegeln. Anstelle eines Spiegels hat die Evolution aber auf etwas anderes gesetzt: Auf Systeme, die miteinander vernetzt sind.

Nur wer sich mit Chaostheorie und Ökologie (incl. Ethnologie und Geo-Wissenschaften) auseinandersetzt, kann analysieren, wo intro- oder extrovertiertes Verhalten tatsächlich eine Rolle spielt. Dann und nur dann können Deutsche geistesgegenwärtig die Aktualität klassischer Philosophie am eigenen Leibe spüren.