erstellt von Stefan Schill am 4. Dezember 2001 (Schill.Stefan@t-online.de)

Kapitalvernichtung

Die Aktionärsschützer haben Angst. Angst um ihr gutes Geld. Deshalb haben sie das Jahr 2001 zum Jahr der Kapitalvernichtung auserkoren, schließlich war es ihr Geld, daß sie seit dem Börsencrash nicht mehr ihr Eigentum nennen können.

Das 'Kapital' der Aktionärsschützer meint die Gründe dafür, daß ein Kredit (oder eine Aktie) vergeben (gekauft) wird. Jeder Gläubiger muss abwägen, über wieviel Geld der Schuldner in Zukunft theoretisch verfügen könnte (wenn dieser denn tatsächlich sein Grundstück, seine Produktionsanlagen, seine Patente und seine Belegschaft verkaufen würde). Alle Aktionäre gehen demnach ein Risiko ein und nur die später geschädigten haben sich verkalkuliert.

Das 'Kapital' der Philosophen möchte Nachhaltigkeit garantieren. Der Geist hat erkannt, daß es für alle Seiten rentabel ist, einen Handel abzuschließen. Bei so einem 'Handel' geht es um die Erzeugung von Wachstum. Ein gutes Beispiel hierzu ist die Entwicklungshilfe.

    Wenn Sie sich ein Dritte-Welt-Land vorstellen und einen reichen Paten, der sich dem Sorgenkind annehmen möchte, was würden Sie ihm raten?

    "In den Anfangsjahren der Entwicklungspolitik ... wurden Armut und Unterentwicklung vor allem mit einem Mangel an Sparfähigkeit und damit an Investitionen (Sachkapital, Produktionsstätten, Infrastruktur) erklärt ... In der Praxis zeigte sich jedoch, dass das importierte Sachkapital häufig ungenutzt blieb und Infrastrukturprojekte nicht von Dauer waren ... Dies führte zu einer Erweiterung der entwicklungsökonomischen Theorien durch das Konzept des Humankapitals ... Im Zentrum dieses Ansatzes stehen ... Bildung und bessere Gesundheitsversorgung. Trotz erheblicher Anstrengungen stellten sich die erhofften Verbesserungen nicht ein. Die Erklärung dafür wird ... in unzureichenden politischen Institutionen gesehen"

    Aha. Zunächst mal die Unterscheidung von Sach- und Humankapital, dazu die Forderung nach einer "good governance". Gibt es da auch etwas, was "über rein politische und ökonomische Konzepte hinausgeht"?

    "... die Fähigkeit einer Gesellschaft zur Zusammenarbeit und sozialen Vernetzung. Diese Dimension von Entwicklung wird ... als Sozialkapital bezeichnet."

    Ja aber sind nicht die meisten Dritte-Welt-Länder willkürliche Gebilde aus der Kolonialzeit? Wie soll aus den vielen Stämmesverbänden mit ihren Sprachen und Religionen eine kulturelle Einheit entstehen?

    Kunst = Kapital

    Natürlich, es kommt darauf an, daß die Menschen ihren eigenen Stil finden, daß sie sehen, was alles unter den gegebenen Umständen möglich ist. Wahre Entwicklungshilfe bedeutet, die Länder dazu zu bringen, daß wir auf sie neidisch sind. Und dies ohne jede Angst, vielmehr im Bewusstsein größten Glücks.

Das 'Kapital' der Marxisten zwingt die ärmsten Familien dazu, den Generationenvertrag aufzukündigen und ihn ins Gegenteil zu verkehren. (Den Kindern wird keine Vorleistung mehr gewährt, statt dessen wird von klein auf ihre Arbeitskraft ausgebeutet. Als Erwachsene sollen sie dann diesen Teufelskreis durchbrechen, und ihren Kindern uneigennützig helfen.)
Bleibt zu hoffen, daß irgendwann einmal tatsächlich das Jahr der Kapitalvernichtung ausgerufen werden kann.

alle Zitate aus der Einleitung zu:
WISSENSCHAFTLICHE ARBEITSGRUPPE DER DEUTSCHEN BISCHOFSKONFERENZ (2000):
Das soziale Kapital.- 61 S., Bonn