Autor: Stefan Schill, erstellt am 9. März 2001 (Schill.Stefan@t-online.de)

Kanzler oder Kaiser?

Im Jahre 1990 wurde Deutschland Weltmeister. Der Grund dafür war, daß die Spieler über sich hinauswuchsen, und zwar in jeder Begegnung ein anderer. Diego Buchwald, Klinsmann, Matthäus, Brehme, Völler und wie sie alle hiessen, waren Weltklasse. Über ihnen thronte nur einer, der Kaiser.

Auch wer Kanzler werden oder bleiben will, braucht eine Mannschaft. Jeder seiner Mannen sollte auf konstantem Niveau spielen und, wenn es darauf ankommt, sämtliche Kompetenzen, die im zustehen, übertreten, um der gemeinsamen Sache zu dienen.

Im Jahre 1962 brach eine Sturmflut über Norddeutschland herein. Der damalige Innensenator von Hamburg fackelte nicht lange, sondern kommandierte die Bundeswehr zum Katastrophenschutz ab. 1974 wurde Helmut Schmidt Bundeskanzler.

  1. Machen Medien Kanzler?
  2. Die Medien informieren. Niemand kennt die Politiker persönlich und niemand wüsste, wenn es uns die Medien nicht sagen würden, was die da oben gerade tun. Doch, was ist, wenn sie uns belügen? Helmut Schmidt hat seinerzeit womöglich gar nicht seine Kompetenzen übertreten. Die wahren Helden waren andere...

    Verschwörungstheorien gibt es wie Sand am Meer. Nur die wenigsten dürften wahr sein. Die Medien produzieren ja auch weniger aktiv eine Nachricht, als daß sie sie passiv reproduzieren. Das ist ihre Aufgabe, das ist ihr Stil, der sich in allen Medien problemlos wiederfinden lässt. Die Journalisten stehen stramm - selbst wenn schreiendes Unrecht geschieht - und berichten tapfer die offizielle Version.

    Die Medien haben aber auch Augen und Ohren und ein Gedächtnis. Sie spüren die Diskrepanz zwischen Sein und Schein. Sie warten förmlich darauf, daß es knallt. Denn jetzt, nach dem sich genügend Material angehäuft hat, können sie problemlos recherchieren.

    Diese Gunst der Stunde muss der Kanzlerkandidat der Opposition nutzen. Nur so kann er Schlagzeilen machen, ohne daß diese als Propaganda der Gegenseite denunziert werden könnten. Indessen, eine Regierung, die wenig Sprengstoff birgt, selbst wenn sie über Jahre hinweg wenig geleistet hat, hat die Wahl automatisch gewonnen.

  3. Wahlkampf
  4. Zurück zum Fußball. Die Trainer kennen die Stärken und Schwächen von Freund und Feind. Die einen versuchen sie zu verstärken, die andern möchten sie kompensieren. Sie werben um die Zuschauer, die sich pro Kopf vielleicht drei Aktionen merken können. 3:0 und 2:1 sind gute Ergebnisse. Fachmänner begleiten das Geschehen und bringen das Gesehene in einen Gesamtkontext.

    Anstelle der Tore setzen die Wahlkampfzentralen auf die Ankündigungen der Politiker, dieses oder jenes ab einem Tag X durchzusetzen. Die Absprachen hierzu erfolgten zuvor in den Gremien ohne Einsicht durch die Öffentlichkeit. Die Medien, die sich in gewohnt passiver Manier dem Diktat der Parteien beugen, kommentieren zwar diese Nachrichten, sie hinterfragen sie aber nicht grundlegend. Die Journalisten sind Gefangene ihres Berufes und die sogenannten 'Experten' beherrschen häufig "nicht einmal das ABC eines Erstsemesters" (BOURDIEU 1998:62).

  5. Des Kaisers neue Kleider
  6. Die Sprachrohre der Sophisten machen nur dann den Kanzler, wenn die Unzufriedenen schweigen. Denken kostet nichts und so ist es jedermann möglich, den Technokraten ein Schnippchen zu schlagen. Wer dabei höflich und kindlich naiv auftritt, dem werden die Herzen zufliegen.

    ANDERSEN
    "Aber er hat ja gar nichts an!" sagte endlich ein kleines Kind. "Hört die Stimme der Unschuld!" sagte der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte. "Aber er hat ja gar nichts an!" rief zuletzt das ganze Volk.

Literatur:
BOURDIEU, P. (1998): Gegenfeuer.- 118 Seiten, Konstanz.