erstellt von Stefan Schill am 28. Dezember 2001 (Schill.Stefan@t-online.de)

Gemeinsinn der Masse

Wir leben in einer Massengesellschaft. Die Zeiten eines Asterix, der beschaulich in seinem Dorf lebt, in dem jeder jeden kennt und in dem jeder unverzichtbarer organischer Bestandteil des Ganzen ist, sind vorbei. Der moderne Stadt-Mensch dagegen liebt das Chaos, ist tolerant und privatisiert den Staat.

[15]"Ironischerweise herrscht gerade im Augenblick des größten Triumphes der liberalen Demokratie auch in den etablierten Demokratien Westeuropas, Nordamerikas und Ostasiens Unzufriedenheit mit der Leistungsfähigkeit größerer gesellschaftlicher Institutionen, darunter auch mit den Institutionen der repräsentativen Demokratie."

Irgendwas muss also am modernen Menschenbild faul sein...

[20]"Für unsere Zwecke nehmen wir einfach an, dass Sozialkapital von Bedeutung ist, und wir fragen, wie sich seine Merkmale in den wirtschaftlich fortgeschrittenen Demokratien im Verlauf der letzten 50 Jahre verändert haben."

... das erste Indiz: Merkmale beschreiben das Sozialkapital, sie begründen es nicht.

[20]"Im Mittelpunkt der Theorie des Sozialkapitals steht ein außerordentlich schlichter Gedanke: Soziale Netzwerke rufen Wirkungen hervor. Vor allem weisen Netzwerke für die ihnen angehörenden Menschen einen Wert auf."

... das zweite Indiz: Skeptiker suchen nach statistischen Gesetzmäßigkeiten.

[24]"Kurz gesagt, wir müssen den Effekt und den Zweck von Sozialkapital verstehen. Netzwerke und Normen können z. B. für diejenigen, die dazugehören, von Vorteil sein, für andere aber auch zum Schaden gereichen."

... das dritte Indiz: Ökonomen erforschen auch das Negative.

[25]"Da Sozialkapital hochgradig heterogen ist, muss für seine Theoretiker die Entwicklung einer theoretisch kohärenten und empirisch zuverlässigen Typologie seiner verschiedenen Formen höchste Priorität haben. Obwohl wir von einer solchen kanonischen Festlegung noch sehr weit entfernt sind, treten aus der wissenschaftlichen Debatte doch mindestens vier wichtige Unterscheidungen hervor."

Damit sind folgende Dualismen gemeint:

  • [25]formell vs. informell
    Ist der Verein streng oder eher locker organisiert?
  • [26]hohe Dichte vs. geringe Dichte
    Gibt es viele oder wenige Vereine?.
  • [27]innenorientiert vs. außenorientiert
    Fördert der Verein sein Gruppeninteresse oder das Gemeinwohl?
  • [28]brückenbildend vs. bindend
    Baut der Verein gesellschaftliche Unterschiede ab oder verschärft er sie?

Man könnte problemlos ergänzen:

  • komplex vs. einfach
    Ist der Verein eine Dachorganisation oder nicht?
  • offen vs. geschloßen
    Dürfen alle Mitglied des Vereines werden oder nur auserwählte?
  • ideal vs. modisch
    Verfolgt der Verein ein Ideal oder ist er eine Modeerscheinung?
  • ...

Die dualistische Weltsicht ist der Knackpunkt am modernen Menschenbild. Selbst wenn ein Dualist die Gesellschaft zum Besseren hin wenden will (wie in diesem Beispiel), kann er es nicht, da er nichts anderes als Dualismen erkennt (und damit keine Tugenden, Systeme und Denkrahmen).

[769]"Was wissen wir über Trends bezüglich des Sozialkapitals in fortschrittlichen Demokratien, wenn wir die letzten Jahrzehnte betrachten."

Jetzt fehlt nur noch der statistische Offenbarungseid.

  • [770] rückläufige Wahlbeteiligung
  • [771] rückläufiges Engagement in politischen Parteien
  • [775] rückläufige Mitgliedschaften in Gewerkschaften
  • [775] rückläufige Kirchenbesucherzahlen

War das alles?

Literatur:
PUTNAM, R. D.[Hrsg.](2001): Gesellschaft und Gemeinsinn.- 798 S., Gütersloh.

Das Buch beinhaltet neben einer Einführung und einer Zusammenfassung des Herausgebers neun Studien aus den acht führenden Industrie-Nationen, die allesamt von Soziologie-Professoren geschrieben wurden. Der gemeinsame Tenor (Ausnahme Spanien*) lautet: Das Sozialkapital hat in den letzten 50 Jahren abgenommen. Wenn es nicht quantitativ abgenommen haben sollte, dann hat es sich zumindest so verschoben, daß es qualitativ schlechter als vorher dasteht.

* {PÉREZ-DIAZ, V.} [585]"Es liegt jedoch auch eine gewisse Ironie in der Tatsache, dass die Transformationsprozesse von 'bürgerlichen' zu 'nichtbürgerlichen' Formen von Sozialkapital (und umgekehrt) und das Schwanken zwischen 'organischen' und 'mechanischen' Formen von Solidarität eine Revision der meisten gängigen Vorstellungen im Hinblick auf die Transformation von 'traditionellen' zu 'modernen' Gesellschaften nahelegen."