erstellt von Stefan Schill am 16. Dezember 2001 (Schill.Stefan@t-online.de)

JULIUS EVOLA
Menschen inmitten von Ruinen

Julius Evola (1898-1974) war Faschist und Philosoph. Sein Buch 'Eli uomini e le rovino' aus dem Jahre 1953 ist zwar eindeutig verfassungsfeindlich, gehört aber ebenso eindeutig zum geistigen Weltkulturerbe. Ich stelle mir in diesem Text die Aufgabe, die geschilderten Gedanken neutral zu begleiten, um sie vielleicht durch neutrale Gedanken in Frage stellen zu können.

Revolution - Gegenrevolution - Tradition

Evola geht es im Folgenden um die Grundlegung des (faschistisch) Konservativen.

[144]"Das, was es zu 'konservieren' und 'revolutionär' zu verteidigen gilt, ist eine allgemeine Lebens- und Staatsanschauung auf der Grundidee höherer Werte und Interessen, die eindeutig die Ebene der Wirtschaft und alles dessen, was sich in den Begriffen wirtschaftlicher Klassen bezeichnen lässt, übersteigen."

Kapitalismus und Kommunismus werden abgelehnt.

[145]"Für den wirklichen revolutionären Konservativen geht es um Treue, nicht zu Formen oder Institutionen vergangener Zeiten, sondern zu grundlegenden Prinzipien, wovon die einen oder die anderen Formen zu einer gewissen Zeit und in einem bestimmten Gebiet vielleicht auch ein besonders geeigneter Ausdruck gewesen sein könnten. Und während sich diese besonderen Ausdrucksformen für sich als vergänglich zu bezeichnen sind, weil oft mit unwiederholbaren geschichtlichen Situationen verbunden, haben die entsprechenden Prinzipien einen Wert, der von solcher Zeitbedingtheit nicht berührt wird und auf ewig 'aktuell' ist."

Das ist eine streng idealistische Position. So beginnt das Buch auch mit einem Zitat von Platon.

[146]"Das Axiom des konservativ-reaktionären oder reaktionär-konservativen Mentalität ist, daß es für die höchsten Werte, also die Grundprinzipien einer jeden gesunden und normalen Ordnung keine Veränderung und kein Werden gibt."

Das erinnert jetzt stark an Parmenides. (Das Sein IST.)

[150]"Die einzige Grundlage des Fortschrittglaubens ist bekannt: Es ist das Blendwerk einer technischen Zivilisation, wie auch die Faszination, die von gewissen unleugbaren materiellen und industriellen Fortschritten ausgeübt wird, die aber geschätzt werden, ohne ihre negative Kehrseite zu berücksichtigen, wie sich eben in wichtigeren und interessanteren Gebieten des Daseins zeigt."

Der Fortschritt gehört nicht zum Sein, sondern zur Scheinwelt.

Souveränität - Autorität - Imperium

Evola legt sich im Folgenden auf eine autoritäre Staatsform fest.

[156]"Wie im Bereich der naturwissenschaftlichen Kausalität kann man auch in der politischen Ordnung nicht bis ins Unendliche von Ursache zu Ursache zurückgehen. Die Serie muß an einem Punkt ihr Ende finden, der durch das Unbedingte und die Absolutheit in der Entscheidung gekennzeichnet ist. Und dies ist auch der Punkt der Stabilität und der inneren Einheit, das natürliche Zentrum des ganzen Organismus."

Das ist falsch. Am Anfang war nicht irgendeine Entscheidung, sondern die Selbstorganisation (Chaostheorie) von mehreren Molekülen, Einzellern, Menschen zu einem Ganzen.

[157]"Wenn die Ordnung als siegreiche Form über das Chaos und die Unordnung, also Gesetz und Recht, die eigentliche Substanz des Staates sind, hat dies alles nur in der genannten Transzendenz seinen zureichenden Grund und seine letzte Rechtfertigung."

Stimmt nicht. Die Ordnung könnte auch ein Fließgleichgewicht sein. Die Transzendenz führt niemals zur Autorität, sondern immer zur Ganzheit.

[157]"So galt richtigerweise der Grundsatz: princeps a legibus solutus - das heißt, das Gesetz gilt nicht für das Oberhaupt, wie auch Aristoteles von denjenigen spricht, die, weil sie selbst das Gesetz sind, keinem Gesetz unterstehen."

Evola geht es jetzt um die Legitimation des Führers.

[157]"Insbesondere wurde der tatsächliche Wesenskern des Souveränitätsprinzipes zu Recht in der Macht gesehen, die jenseits jeglicher Bindung und Diskussion in Ausnahme und Notfällen zu entscheiden befugt ist, nämlich dort, wo das geltende Recht und die Gesetze aufgehoben sind oder deren Aufhebung notwendig ist."

Der (Überlebens)Wille in Ausnahme-/Notfällen hängt nicht mit der Legitimation von Herrschaft zusammen. (Das eine ist dualistisch, das andere dreifaltig.)

[160]"Zu allererst gibt es da eine besondere Heiligung, nämlich die eines Mannes, der 'einen Niveauwechsel vollzogen hat' durch seine Loslösung von der rein natürlichen und vegetativen Ebene. Seine Ergänzung findet er in der Macht, das heißt dem Befehlsprinzip in der Hand des 'Männerbundes'."

Ein 'Mann' wird seinen eigenen (Überlebens)Willen nur dann ignorieren, wenn es um seine Nachkommenschaft (Gene, Lebensbedingungen) geht, sicher nicht, weil es ihm ein Männerbund befiehlt.

[161]"Dann bricht diese Linie, und der Verfall der Staatsidee, der parallel zum Verfall und zur Verdunklung des reinen Prinzips der Souveränität und der Autorität eintritt, findet seine Abschluß in der Umkehrung, durch die die Welt des demos, der materialisierten Massen, auftaucht, um den politischen Bereich zu erobern."

Evola beginnt, sein Feindbild zu skizzieren. Antiautoritär und materialistisch soll es sein.

[167]"Auf der einen Seite steht eine Masse, bei der, abgesehen von wechselnden Gefühlen, immer mehr oder weniger diesselben elementaren Instinkte und dieselben an die physische und hedonistische Ebene gebundenen Interessen wirken werden. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die sich völlig von den ersteren unterscheiden, da sie Träger einer ganzen Legitimität und Autorität sind, die sich aus der Idee und der strengen, überpersönlichen Treue zu ihr ergibt."

Der Tenor der Aussage lautet: "Die Feinde sind keine Menschen, sondern eine Masse."

Persönlichkeit - Freiheit - Hierarchie

Evola analysiert jetzt die Gründe für den Abstieg.

[171]"Der Beginn der Zersetzung der traditionalen gesellschaftspolitischen Strukturen oder zumindest dessen, was in Europa noch von ihnen übrig war, fand bekanntlich mit dem Liberalismus statt."

Zum Liberalismus sagt Evola.

[171]"Der Wesenskern des Liberalismus ist der Individualismus. Die Grundlage seines Irrtums wiederum liegt darin, daß der Begriff der Person mit dem des Individuums verwechselt wird..."

Stimmt. 'Person' ist nämlich der Überbegriff für ein Individuum und für viele Individuuen.

[176]"Gleichberechtigung kann es nur unter Gleichen geben, das heißt unter denjenigen, die sich objektiv auf demselben Niveau befinden."

Aufgrund der Grenzenlosigkeit der Wahrheit (des Seins) sind unendlich viele Niveaus denkbar. Jeder Mensch hat darin sein unverwechselbares Profil.

[177]"Wo es Gleichheit gibt, kann es keine Freiheit geben."

Nein. Die Freiheit besteht aus der res privata (Privatangelegenheit) und der res publica (öffentliche Angelegenheit).

[178]"In der klassischen Auffassung, so wie sie Aristoteles, Platon oder Plotin ausdrückten, entspricht nur jene Ordnung der Gerechtigkeit, in der jeder das tut, was ihm innerlich entspricht, in der jeder das besitzt, was ihm zusteht, und in der jeder das verwirklicht, was ihm gemäß ist."

Das ist dreifaltig gedacht. In der Dreifaltigkeit gibt es jedoch nur einen Gott und der ist gut (Glaube, Liebe, Hoffnung).

[179]"Alles Soziale gehört im besten Falle zum Bereich der Mittel und betrifft nicht den Bereich der Ziele.

Korrekt, aber von der Intention her - wir verzichten auf soziale und liberale Politik - falsch.

[179f]"Die Vervollkommnung des Menschen ist das Ziel, dem sich jede soziale Ordnung unterwerfen muß und das sie so weit, wie nur möglich zu fördern hat ... Alles gemäß einer Pyramidenstruktur, an deren Spitze Gestalten treten müßten, die mehr oder weniger der absoluten Person - das heißt der am höchsten verwirklichten - angenähert sind, die eben das Ziel und den natürlichen Anziehungspunkt des Ganzen darstellt."

Nur Gott ist absolut.

Organischer Staat - Totalitarismus

In diesem Kapitel erklärt Evola den Zusammenhalt seines Idealstaates.

[194]"Organisch ist ein Staat, wenn er ein Zentrum hat und dieses Zentrum eine Idee ist, die in wirksamer Weise die einzelnen Bereiche gestaltet. Er ist organisch, wenn er die Trennung und Verselbständigung des Einzelgliedes nicht kennt und wenn jeder Teil des Staates in seiner relativen Eigenständigkeit über ein System hierarchischer Teilhabe eine Funktionalität und enge Bindung mit dem Ganzen bewahrt.

Ein ungelöstes Problem für eine Ideal-Regierung ist bis heute deren vertikale und horizontale Aufgaben- und Kompetenzverteilung.

[196]"Aber der Totalitarismus ist nichts anderes als das gefälschte Abbild des organischen Ideals. Er stellt ein System dar, dessen Einheit von außen aufgezwungen wird..."

Damit ist wohl nicht der Nationalsozialismus gemeint, sondern der Kommunismus.

[196]"Wenn dieser Typus von Einheit zwar in der heutigen Zeit seine hauptsächlichsten Erscheinungsformen hervorgebracht hat, so kündigte er sich schon zu anderen Zeiten da und dort an: doch stets in den End- und Dämmerungsphasen eines bestimmten Kulturzyklus."

Da taucht er auf, der Kulturpessimismus der Moderne.

Bonapartismus - Machiavellismus - Elitismus

Evola wendet sich gegen die Demokratie (und die Aristokratie).

[205]"Es zeigt sich nämlich unausweichlich, daß trotz der formalen Institutionen und demokratischen Lehren die tatsächliche Macht auch in den Demokratien in die Hände einer Minderheit, einer kleinen Gruppe also, gelangt, die sich de facto mehr oder weniger von den Massen unabhängig macht, nachdem es ihr einmal gelungen ist, sich von ihnen an die Macht bringen zu lassen."

Dies betrifft nur diejenigen 'Demokratien', die nicht zu diskutieren in der Lage sind.

Arbeit - Dämonie der Wirtschaft

Evola sucht einen Weg, ...

[218]"Nichts ist offenkundiger, als daß der moderne Kapitalismus genauso subversiv ist wie der Marxismus. Gleich ist die materialistische Lebensauffassung, auf die sich beide gründen, qualitativ identisch sind auch die Ideale beider, und gleich sind bei beiden die Voraussetzungen, die an eine Welt gebunden sind, deren Zentrum aus Technik, Wissenschaft, Produktion, 'Rendite' und 'Konsum' besteht.

... die materialistische Wirtschaft zu besiegen.

[227]"Hier hat sich die Tätigkeit, die auf Gewinn und Erzeugung ausgerichtet war, von einem Mittel zum Zweck gewandelt, hat Seele und Körper des Menschen gepackt und ihn schließlich zu einem Wettlauf ohne Ende verdammt, zu einer unbeschränkten Expansion des Handelns und des Produzierens, einem aufgezwungenen Wettlauf, da das Stehenbleiben im weitergehenden Wirtschaftssytem sofort ein Rückschreiten bedeuten würde, wenn nicht gar ein Überholt- und Umgerissenwerden. In diesem Lauf ... hält die Wirtschaft Tausende und Abertausende von Arbeitern gefangen, ebenso aber Unternehmer ... und löst damit einander entsprechende Aktionen und Reaktionen aus, die immer umfassendere geistige Zerstörungen bewirken ... und das deshalb, weil die ständig steigenden Kapitalmengen Anlagen und Investitionen suchen und der zur Superproduktion entartete Produktionsmechanismus nach immer größeren Märkten verlangt."

Die Nachhaltigkeit des Wirtschaftens (der Arbeit) ist auf der Strecke geblieben.


Evola hat damit fast sein ganzes philosophisches Pulver verschoßen. Das Buch geht zwar noch weiter, richtig spannend ist aber nur noch ein Kapitel.


Okkulter Krieg - Waffen des okkulten Krieges

Dieses Kapitel listet Möglichkeiten zur Geschichtsmanipulation auf.

[320]"Die tieferen Ursache der Geschichte ... wirken überwiegend durch das, was man mit einem Bild aus den Naturwissenschaften die 'Imponderabilien', die Unwägbarkeiten, nennen kann. Sie verursachen fast unmerkliche ... Veränderungen, die beträchtliche Wirkungen auslösen: wie die ersten Risse in einer Schneedecke, die dann eine Lawine hervorrufen. "

Das ist die Quintessenz der Chaostheorie und für Evola zugleich der Ansatzpunkt.

[320]"Sie wirken fast nie auf unmittelbare Weise, sondern geben bestimmten schon bestehenden Entwicklungen eine bestimmte Richtung, die zum festgesetzten Ziel führt, dem schließlich sogar das dient, was ursprünglich eigentlich Widerstand leistete."

Es folgen mehrere Taktiken.

  • Suggestion: Der hier ist wichtig.
  • Ersetzung: Der hier ist der Neue.
  • Fälschung: Das hier ist ein typischer Vertreter.
  • Umkehrung: Das hier bedeutet automatisch...
  • Rückprall: Bei dem hier kannst Du Dich rächen.
  • Sündenbock: Der hier ist schuld.
  • Verwässerung: Das hier ist ein hochgeistiges Thema.
  • Verwechslung: Der hier macht das absichtlich.
  • Unterwanderung: Das ist doch ein Verein für...

[340]"Es gibt wenig Hoffnung, etwas zu retten, wenn es unter den Oberhäuptern einer neuen Bewegung nicht auch solche gibt, die die Fähigkeit entwickelt haben, den materiellen Kampf mit einem geheimen und unerbittlichen Wissen zu ergänzen..."

Das ist nicht im Sinne meiner Philosophie. Ich kenne kein unerbittliches Wissen und spreche Gedanken immer laut aus. Stefan Schill

Literatur:
Evola, J.(1991): Menschen inmitten von Ruinen.- 405 S., Tübingen.