Autor: Stefan Schill, erstellt am 13. April 2002 (Schill.Stefan@t-online.de)

Der tödliche Pfeil des Eros

Günter Mecke hat ein vortreffliches Buch geschrieben. Im Grenzgebiet zwischen Wissenschaft und Kunst ist es ihm gelungen, mich zu der nachfolgenden Textcollage anzuregen.

MECKE 11
Nachstehend werden verschiedene meist berühmte Selbstmordstürze aus dem Altertum untersucht. Diesen antiken Erzählungen werden moderne Geschichten gegenübergestellt; so soll Neues das Alte erhellen und Altes das Neue.

Aus der antiken Mythologie fällt mir die Geschichte über Narziß ein. Aus lauter Begeisterung fällt dieser auf sein eigenes Spiegelbild herein und ertrinkt.

MECKE 13f
Nun aber erhebt sich die Frage, ob ganz unangestachelte Stürze - Selbstmorde - vorkommen oder überhaupt denkbar sind? Wird ein lebensmüde Fallender nicht stets gestoßen, verstoßen? ... Der Anstachler des Selbstmörders - zweite Überraschung - entpuppte sich außerdem regelmäßig als leiblich Stigmatisierter und/oder seelisch Traumatisierter.

Narziß mißbrauchte demzufolge das Wasser als Spiegel, welches sich daraufhin rächt. Auch Goethe hat das gewusst und den Selbstmord eines weiteren Gewalttäters beschrieben.

Der Fischer

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran, sah nach der Angel ruhevoll,
kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor; Aus dem bewegten Wasser rauscht
ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, Sie sprach zu ihm:
"Was lockst Du meine Brut mit Menschenwitz und Menschenlist
hinauf in Todesglut.
Ach wüßtest Du, wie's Fischlein ist so wohlig auf dem Grund,
Du stiegts herunter, wie Du bist,
und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht, der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht nicht doppelt schöner her?
Lockt Dich der tiefe Himmel nicht, das feuchtverklärte Blau?
Lockt Dich Dein eigen Angesicht nicht her im ew'gen Tau?

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, netzt ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll, wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm, da war's um ihn geschen;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin, und ward nie mehr gesehen.

MECKE 92
Die Kausalreihe wäre also etwa: Ein potentieller Selbstmörder stigmatisiert seine potentielle Anstachlerin; tötet sie, darauf nistet sie sich als (erotischer) Todesgeist (Ker) in seinem Gewissen ein; rumort dort und stachelt ihn zum Sturz-Selbstmord an.

Literatur:
GOETHE, J.W.(?): Der Fischer.-
MECKE, G.(1995): Der tödliche Pfeil des Eros.- 276 Seiten, Frankfurt.