Autor: Stefan Schill, erstellt am 11. (*14.) April 2002 (Schill.Stefan@t-online.de)

buddhistische Mysterien

Das größte Mysterium des Buddhismus ist die Erleuchtung des Gautama Buddha (um 560 bis 480 vor). Ein verwöhnter junger Prinz entsagt seinem weltfremden Leben zu Hofe und begibt sich auf die Suche nach einem radikal neuen. Unbefriedigt von den religiösen Lehren seiner Zeit, erachtet er, unter einem Feigenbaum sitzend, nur diese Stufenfolge des Denkens für wahr.

  1. Man kann nichts dagegen tun, daß es für einen nicht nur gute sondern auch schlechte Erfahrungen gibt.

    "Indem ich also bei mir dachte, ging mir aller Lebensmut unter" (zitiert bei JASPERS:33f).

  2. Alle Dinge sind an sich neutral, nur ich empfinde sie als gut oder schlecht.

    Gautama mißtraut jeder Einschätzung der Dinge.

  3. Wenn ich in mich gehe, so finde ich, was mich erregt.

    Er sucht dabei weder Einsicht (Phänomenologie) noch Absicht (Nietzsche).

  4. Alles, was ich für mich als wertvoll gefunden habe, verflüchtigt sich bei genauerer Betrachtung.

    Nicht das Konservative sondern die Tugend überwindet den Dualismus.

der überlieferte Text:

"Das ist die Wahrheit vom Leiden: Geburt ist Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, mit Unlieben vereint sein ist Leiden, von Leben getrennt sein ist Leiden, nicht erlangen was man begehrt, ist Leiden.
Dies ist die Wahrheit von der Entstehung des Leidens: es ist Durst, der zur Wiedergeburt führt, samt Freude und Begier, der Lüstedurst, der Werdedurst, der Vergänglichkeitsdurst.
Dies ist die Wahrheit von der Aufhebung des Leidens: die Aufhebung dieses Durstes durch restlose Vernichtung des Begeherns, ihn fahren lassen, sich seiner entäußern, sich von ihm lösen, ihm keine Stätte gewähren.
Dies ist die Wahrheit zur Aufhebung des Leidens: es ist dieser edle achtteilige Pfad, der da heißt: rechtes Glauben, rechtes Entschließen, rechtes Wort, rechte Tat, rechtes Leben, rechtes Streben, rechtes Gedenken, rechtes Sichversenken" (zitiert bei JASPERS:42).

Genauso wie die Christen* (Glaube, Liebe, Hoffnung) begehen die Buddhisten ursprünglich nur den Pfad der Tugend. Im weiteren Verlauf der Ideengeschichte fällt der Buddhismus jedoch immer stärker in den Dualismus zurück.

  • hina-yana (kleines Fahrzeug) um 500 vor

    GLASENAPP 9ff
    Nur die eigene Anstrengung sichert dem aus dem Leid der Welt des Wanderns (Samsara) zur Vollendung Emporstrebenden das Nirvana ... In zahllosen Existenzen geläutert, wird der Gläubige schließlich ein frommer Mönch, der der Welt entsagt und durch asketischen Wandel und geistige Vertiefung die Heiligkeit eines Arhat gewinnt, der mit dem Tode erlischt wie ein Licht, dessen Brennstoff sich verzehrt hat ... Völlig erloschen, kann sich der Erhabene weder an den Blumenspenden der Gläubigen freuen, noch sie für ihre Gaben belohnen oder ihre Gebet erhören.

  • maha-yana (großes Fahrzeug) um 0

    GLASENAPP 12ff
    Das Hochziel des Frommen ist es nicht, ein weltabgewandter Arhat zu werden, sondern ein Boddhisattva ... Der alte Buddhismus kannte nur wenige Buddhas, da nach seiner Theorie zu jeder Weltperiode nur ein einziger auftritt. Das Mahayana lehrte dagegen, daß die Buddhas so zahlreich sind wie die Sandkörner im Ganges ... Die Buddhas des Großen Fahrzeuges unterscheiden sich von denen des Hinayana sehr wesentlich darin, daß ihr Wirken für die Welt mit ihrem Eingehen in das höchste Nirvana kein definitives Ende hat ... Die Voraussetzung für das Beschreiten des Heilsweges besteht in der Erkenntnis, daß es kein beharrendes Ich gibt, daß von Existenz zu Existenz wandert, sondern nur Kombinationen von Dharmas ... Diese nüchterne Tatsachenphilosophie ergänzte das Mahayana durch einen metaphysischen Überbau mit monistischer Spitze.

  • vajra-yana (Diamant-Fahrzeug) um 700 nach

    GLASENAPP 17ff
    'Eine wesentliche Umgestaltung erfuhr im Mahayana schließlich auch auch die Idee des Kultus ... In Anpassung an die sakralen Formen, mit welchen die Hindus ihren Göttern dienen, bildete sich im Großen Fahrzeug ein umfangreiches Kultwesen heraus ... Das Ritual der Hindus ist in zahlreichen Werken dargelegt, die als Agamas oder Tantras bezeichnet werden ... Das wesentliche Charakteristikum alles Tantrismus hat man ... darin gesehen, daß geheimnisvollen Silben (bija) und Sprüchen (mantra) eine magische Bedeutung beigemessen wird ... Man kam daher zu der Feststellung, daß das Mahayana zwei Methoden zulasse: den paramita-naya, welcher durch Ausbildung moralischer Vollkommenheit und philosophischer Erkenntnis die Erlösung die Erkenntnis erstrebt und den mantra-naya, welcher dasselbe durch mystische Formeln erreichen will.'

* MEISTER ECKHART (17. Predigt, Schlußsatz)
Du sollst ihn lieben wie er ist: ein Nichtgott, ein Nichtgeist, eine Nichtperson, ein Nichtbild ... wie er ein blosses, pures, reines Eins ist, gesondert von aller Zweiheit, und in dem Einen sollen wir ewiglich versinken von Nichts zu Nichts. Das walte Gott. Amen.

Literatur:
MEISTER ECKHART: Predigten.-
GLASENAPP, H.(1940): Buddhistische Mysterien.- 201 Seiten, Stuttgart.
JASPERS, K.(1966/97): Die maßgebenden Menschen.- 141 Seiten, München.